Romane kann man nicht nur leise und laut lesen, sondern auch verfilmen und aufs Theater bringen – daran haben wir uns gewöhnt. Aber kann man sie auch ausstellen? Der Strauhof, Zürichs agiles Literaturmuseum, das sich so bescheiden wie selbstbewusst „ein Ort für die Wirklichkeit der Literatur“ nennt, versucht sich daran nun schon ein zweites Mal – nach dem großen Erfolg der »Ulysses«-Ausstellung vor drei Jahren. Jetzt ist mit »Mrs Dalloway« von Virginia Woolf eine weitere Ikone des modernen Romans das Thema, und Anlass ist wiederum ein 100. Geburtstag: »Mrs Dalloway« erschien im Mai 1925 in der Hogarth Press, dem von der Autorin und ihrem Mann Leonard Woolf gemeinsam gegründeten und verantworteten Verlag, der neben zeitgenössischer Literatur etwa auch Übersetzungen der Schriften von Freud herausbrachte.
Was zeigt eine Ausstellung zu einem literarischen Werk, das vor allem dadurch berühmt wurde, dass es den Lesenden einen auch heute noch faszinierenden Zugang zur Innenwelt seiner Hauptfiguren verschafft? Die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, Kuratorin der Ausstellung und berühmt für ihren ungewöhnlichen, oftmals feministischen Blick auf literarische Phänomene, bekannte bei der Vernissage, am liebsten hätte sie die Besucherinnen und Besucher zuerst in undurchdringlichen Nebel und eine Geräuschkulisse aus Maschinengewehrsalven und Schreien getaucht und sie so immersiv dem Grauen des Ersten Weltkriegs ausgesetzt. An dem Junitag des Jahres 1923, an dem »Mrs Dalloway« spielt, liegt die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zwar schon fünf Jahre zurück, in den Köpfen und Herzen der Figuren von Virginia Woolfs Roman aber ist sie noch allgegenwärtig.
Allein schon aufgrund der Begrenztheit der Räumlichkeiten und Mittel des Strauhofs kam das natürlich nicht in Frage – und das ist auch gut so. Trotzdem gelingt es der Ausstellung durch bewegte und ruhende Bilder, durch Audioschnipsel und Realitätsfragmente wie Litfaßsäulen die Zeitumstände eindringlich zu vergegenwärtigen: nicht nur den Krieg mit seinen Sturmläufen, sondern auch die Großstadt London mit dem Gewusel ihrer geräuschvollen Straßen, auf denen große Teile des Romans spielen und deren unaufhörliche Dynamik Virginia Woolf mit ihrer virtuosen multiperspektivischen Erzähltechnik einfängt. Und wie im Roman selbst erinnert auch in der Ausstellung der wiederkehrende Glockenschlag von Big Ben an das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit.
Hat man den Parcours durch Krieg und Großstadt erst einmal absolviert, gelangt man ins Herzstück der Ausstellung: einen zwölfeckigen »Tempel«, der sich von vier Seiten betreten lässt und in dessen Zentrum eine Originalausgabe von »Mrs. Dalloway« in einem gläsernen Schrein ruht. Auf dem Boden ein historischer Stadtplan, auf dem die Wege der Romanfiguren durch London eingezeichnet sind. Und während die nach innen zeigenden zwölf Flächen dieser genialen Ausstellungsarchitektur auch die Innenwelt der Figuren behandeln, thematisieren ihre nach außen gewandten Kehrseiten die realen, außerliterarischen Bezüge. So werden im Inneren etwa die »Wahnideen« von Septimus Warren Smith vergegenwärtigt – im Roman der Konterpart zur vermeintlich oberflächlichen Gesellschaftsdame Clarissa Dalloway –, an der Außenwand dagegen wird etwa mit Kitty Maxse, einer seinerzeit berühmten Londoner Gastgeberin, auf ein mögliches Vorbild für die Titelheldin des Romans hingewiesen.
Im oberen Stockwerk des Hauses dann steht Virginia Woolf selbst im Mittelpunkt, und damit neben der Romanautorin auch die Journalistin, die mit »A Room of One’s Own« eine legendäre, bis heute viel gelesene Gründungsschrift der Frauenbewegung geschaffen hat. Auch hier gelingt Elisabeth Bronfen ein so origineller wie innovativer Zugang. Die 1970er Jahre hatten Virginia Woolf zu einer Ikone der Frauenbewegung stilisiert. Seitdem stand weniger die Jahrhundertschriftstellerin mit ihrem außergewöhnlichen Leben und ihrer bis heute beeindruckenden Lebensphilosophie im Zentrum des Interesses als das Missbrauchsopfer der Stiefbrüder Gerald und George Duckworth und die unter einer bipolaren Störung leidende Frau, die darüber hinaus noch dem Zwangssystem der Psychiatrie ihrer Zeit ausgeliefert war. Aus diesem Korsett einer traumatischen Pathologie befreit die Zürcher Ausstellung Virginia Woolf, indem sie zeigt, wie sehr es ihr um Lebendigkeit und Lebensintensität ging – darum, das Leben in eine ästhetische Erfahrung zu verwandeln. Mit Nachdruck verweist Elisabeth Bronfen auf den Celebrity-Status der Schriftstellerin, die den Zeitgenossen als Modeikone galt. So nahm die »British Vogue« sie bereits 1924 – da schrieb sie noch an »Mrs Dalloway« – in ihre Hall of Fame auf und gab später bei ihr Artikel in Auftrag. Fünf Jahre später dann wurde sie auch von der amerikanischen »Vanity Fair« wegen ihrer literarischen Erfolge und ihres Kleidungsstils zur Celebrity des Jahres gekürt.
Erwähnt sei noch, dass die Ausstellung, ihrem Gegenstand angemessen, durchgängig zweisprachig ist. Und für Woolf-Fans gibt es ein besonderes Highlight: zu hören ist die einzige erhaltene Aufnahme ihrer Stimme aus dem Jahr 1937, als sie für die BBC einen Vortrag einsprach. Wie aus fernen Zeiten tönt ihr näselnder Singsang an unser heutiges Ohr, sanftmütig und versnobt zugleich. Wer diese Stimme einmal vernommen hat (und darin den unvergleichlichen Sound der Woolfschen Texte wiedererkennt), der ist dieser großen Dame der modernen Literatur ein für alle Mal verfallen.