Drei Wochen vor dem 150. Geburtstag feierte im Münchner Literaturhaus eine neue Thomas Mann-Biographie Premiere. Ihr Autor ist Tilmann Lahme, durch seine Bücher über Golo Mann und die Geschichte der amazing family samt ihrer Abgründe einem breiteren Publikum bekannt. So durfte man erwarten, dass Lahme uns einen anderen Thomas Mann zeigt als den, den wir herkömmlich für den richtigen gehalten haben. Seine Darstellung fußt zu einem wichtigen Teil auf bislang unbeachteten Quellen: zwei frühen, sehr aufschlussreichen, aber ungedruckten Briefen von Thomas Mann an seinen Freund Otto Grautoff, dessen in der Sorbonne archivierter Biografie sowie einem Text Susan Sontags, den die Studentin unmittelbar nach ihrem Besuch bei Thomas Mann in Pacific Palisades im Dezember 1949 schrieb und der zeigt, was ihr eigentliches Motiv für diese »Wallfahrt« war.

Dieses Buch war überfällig. Welche Rolle Thomas Manns Homosexualität in seinem Leben spielte und was sie für sein Schreiben bedeutete – keine Frage wird auf Veranstaltungen in diesem Jubiläumsjahr häufiger gestellt. Man kann dieses hartnäckige Nachfragen so verstehen, dass sich das Lesepublikum nicht länger mit den beschwichtigenden Auskünften der Literaturwissenschaft zufriedengibt, die dieser Frage gerne aus dem Wege geht oder ihr allenfalls marginale Bedeutung einräumen will. In Tilmann Lahmes neuer Thomas Mann-Biographie wird unser Wissensdurst nun endlich gestillt. Lahme erklärt uns den ganzen Thomas Mann, wie er sagt. Und er macht das brillant und überzeugend. Endlich ein Biograph Thomas Manns, der mit seiner Homosexualität so kenntnisreich wie souverän umgeht.

Über das alles bekennend zu schreiben, würde mich zerstören«, notiert noch der 74-Jährige im Tagebuch. Da hat ihn gerade die Nachricht vom Tod Paul Ehrenbergs erreicht, Thomas Manns großer Liebe der Jahre 1900 bis 1903, als er in München am Anfang seiner Karriere als Schriftsteller stand. Doch diese Liebe zu leben, kam für ihn nicht in Frage, zu groß war seine Angst, zum Teil auch seine Abscheu vor der »konträren Sexualempfindung«, wie die Homosexualität damals in psychologischen Fachkreisen definiert wurde, während sie juristisch als »widernatürliche Unzucht« galt, bestraft mit Gefängnis oder der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. So legte er sich ein Liebesverbot auf; verlegte sich aufs Schauen und aufs Phantasieren, während er gleichzeitig nach außen hin seine Virilität betonte – weniger durch seine körperliche Erscheinung als durch seinen intellektuellen Habitus. Keinesfalls wollte er als der weibische Mann gelten, für den man einen Schwulen seit jeher hielt.  Und mit dem Tiermaler Paul Ehrenberg hatte er sich auch einen jungen Mann als Liebesobjekt ausgesucht, der eigentlich den Frauen zugetan war und schon deshalb nicht als Partner in Frage kam.

Bei Otto Grautoff, einem Freund und Leidensgefährten Thomas Mans aus Jugendtagen, wird derweil der Leidendruck so groß, dass er sich in Berlin in eine therapeutische Behandlung gibt, wie sie damals auch in München, etwa von dem jungen Arzt Albert von Schrenck-Notzing, angeboten wurde. Mittels Suggestion und Hypnose sollte die »konträre« in eine »konforme« Sexualempfindung transformiert, sollten die Klienten sozusagen fit für die Ehe gemacht werden. Konversionstherapie nannte sich dieses Verfahren, bei dem die Rückfallquote vermutlich bemerkenswert hoch war. Auch Tilmann Lahme kann leider nicht die Frage beantworten, ob sich auch Thomas Mann damals einer solchen Behandlung unterzogen, zumindest psychotherapeutische Beratung in Anspruch genommen hat. Namen und Adressen einschlägiger Ärzte hat er sich jedenfalls wiederholt notiert.

Mit der Frau, die Thomas Mann dann im Februar 1905 nach anfänglicher Zurückweisung und hartnäckiger Werbung ehelichte, hatte es jedenfalls eine besondere Bewandtnis. Katia Pringsheim stammte nicht nur aus einer äußerst wohlhabenden (jüdischen) Familie; sie war auch die Zwillingsschwester eines jungen Mannes, dessen homosexuelle Veranlagung sowohl für die Familie Pringsheim als auch für Thomas Mann so etwas wie ein offenes Geheimnis gewesen sein muss. Katia hatte dieselben dunklen Haare und dunklen feuchtschwarzen Augen wie ihr Bruder, denselben blassen Teint und dieselbe weiche Haut. Dass sie einander nicht völlig zum Verwechseln ähnelten, lag vor allem an ihrer Kleidung und wie sie sich zurecht machten. Aber die Idee, durch Kleidertausch und mit ein wenig Schminke die Geschlechterrollen zu vertauschen, war den Geschwistern keineswegs fremd. Beide waren sie beispielgebend für das Phänomen der Androgynie, das in Thomas Manns literarischem Werk zunehmend eine bemerkenswerte Rolle spielen sollte. Gut möglich, dass die verstohlenen Blicke des Schriftstellers anfangs sogar Klaus galten. Statt mit ihm, dem verbotenen Bruder, hat er sich dann gewissermaßen mit der erlaubten, burschikosen Schwester verbunden. Leider verzichtet Tilmann Lahme darauf, diese Dreiecksbeziehung zwischen seinem Helden und den Zwillingen ein wenig plastischer darzustellen.

»Zu viel sollte man in Bilder nicht hineinlesen«, schreibt Tilmann Lahme zu diesem Bild, das den wohl knapp fünfzigjährigen Ehemann und seine Frau zu Beginn ihrer Vierzigerjahre zeigt. Um hinzuzufügen: »Und doch.«

Lahmes rasant gut geschriebene Biographie zeigt uns einen Thomas Mann, der das ganze Leben lang mit seiner sexuellen Identität kämpft und unter seiner Zerrissenheit leidet. Um seine Homosexualität niederzuringen, hat er sich ein Lebenskorsett angelegt. Dazu gehören ein strikt geregelter Tagesablauf, reichlich Schlaf, ausgedehnte Spaziergänge (auf denen er zuweilen scheinbar grundlos in Weinen ausbricht), kalte Duschen, klare Arbeits- und Ruhezeiten, maßvolles Essen und Trinken. Einzige, aber symbolträchtige Ausnahme: Zigaretten und Zigarren. Dazu kommen mit zunehmendem Alter immer mehr pharmazeutische »Helferlein«, wie sie im Familienjargon genannt werden: Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Aufputschmittel – gegen Depression, gegen die Dämonen, gegen das Begehren. Und das Wichtigste nicht zu vergessen: die unbedingte Konzentration auf das Werk. Denn im Schreiben hat Thomas Mann das Ventil schlechthin für seine nicht gelebte Sexualität entdeckt. Statt im Leben lebt er sich in der Kunst aus. Der Zwang, sich verstecken zu müssen, verhilft ihm zu seiner charakteristischen literarischen Stimme. Mit der Arbeit an der 1897 erscheinenden Novelle »Der kleine Herr Friedemann« wird dem damals 22-Jährigen erstmals klar, dass er von sich selbst und seiner Homosexualität erzählen kann, ohne Ross und Reiter zu nennen: indem er sich nämlich »diskreter Formen und Masken« bedient, in denen er mit seinen Erlebnissen »unter die Leute« geht, statt sich nur heimlich im Tagebuch auszusprechen. Anstelle vom Leid eines Homosexuellen, dessen Vorsatz, die Liebe zu ersticken, von verdrängter Leidenschaft beiseite gefegt wird, erzählt er so von einem körperlich Missgebildeten, der genau dieses mit einer heißkalten Frau erleben muss. Anfangs geraten ihm diese Übertragungen und Verschiebungen zu lauter Geschichten von Außenseitern, die am Leben scheitern und für die Liebe den Untergang bedeutet. Dann allmählich gelingt es ihm, das starre Muster aufzubrechen und mit Tonio Kröger und Hans Castorp Figuren zu schaffen, die wie er selbst irgendwie durchkommen.

Die gefundene Lösung, sein verborgenes Ich zu zeigen und doch nicht zu zeigen, führt allerdings zu einem nicht minder schwerwiegenden zweiten Lebensproblem: dem ständigen Kampf zwischen Begehren und repräsentativer Fassade, der »Persona«. Zwar gewinnt die Persona immer; das Begehren wird aber auch nie endgültig besiegt (und gäbe dann endlich Ruhe). Und wie auch – würde sich Thomas Mann damit doch der Triebkraft seiner literarischen Produktivität berauben. Er braucht, was er nicht lebt, um so gut schreiben zu können, ja, er muss schreiben. Nur so kann er das (sich selbst) auferlegte Liebesverbot zumindest symbolisch umgehen. Vor kaum etwas hat er deshalb zeitlebens so viel Angst wie davor, dass ihm die fragile Kontrolle über die gefundene Balance zwischen Nichtausleben der Homosexualität einerseits und dem Irgendwie-doch-darüber-Schreiben andererseits entgleitet. Immer wenn Gefahr in Verzug ist, dass jemand Fremdes Einblick nehmen könnte in die freimütigen Briefe, die er als junger Mann verfasst hat, oder in seine Tagebücher, erzittert er. So veranstaltet er gleich zweimal in seinem Leben ein Autodafé. Die Tagebücher der Jugend verbrennt er schon 1896, kurz vor seinem Durchbruch als Schriftsteller, die folgenden Tagebücher bis 1933 mit einer einzigen Ausnahme (den Aufzeichnungen von 1918 bis 1921) dann im Mai 1945. Die Befürchtung im April 1933, sie könnten in fremde Hände geraten sein, hatte ihn beinahe um den Verstand gebracht. Von einem »Anschlag auf die Geheimnisse meines Lebens« sprach er damals. Thomas Mann habe »mit dieser Verbrennung ohne Zweifel die weitreichendste Tat seines Lebens vollbracht«, meint denn auch Peter Nádas aus der Nähe des Schriftstellerkollegen.

Als Thomas Mann 1934 auf Einladung seines amerikanischen Verlegers Alfred Knopf zum ersten Mal in die USA kam, wurde er auch von Edward Steichen fotografiert, der auf seinem Feld, der Fotokunst, ungefähr so berühmt und bedeutend war wie Thomas Mann auf dem seinen, der Romankunst. Steichen muss wohl besonders von Thomas Manns in der Tat bemerkenswerter Nase fasziniert gewesen sein. Wie die unvergleichliche Janet Flanner berichtet, hielt Mann, der gerade versuchte, Englisch zu lernen, auf einem Diner zu seinen Ehren im New Yorker Plaza Hotel eine Rede, in der er als Kompliment Alfred Knopf einen »creator« (Schöpfer) nennen wollte und ihn als »creature« (Kreatur) bezeichnete. Mann meinte später, dies sei sein Debüt in der englischen Sprache gewesen. Ganz so humorfrei gegenüber der eigenen Person, wie sein Biograph Tilmann Lahme meint, scheint Thomas Mann dann doch nicht gewesen zu sein.

Immer mal kommt es aber doch zu einem Beinahe-Coming-out, und sei es (fast) unfreiwillig. Etwa wenn er auf die Nachfrage eines Briefempfängers, was er denn damit meine, dass ihm die Gefühlsart der Homo-Erotik in »kaum bedingter Weise« zugänglich sei, antwortet, »kaum bedingt« meine hier »fast unbedingt«.  Und an den ebenfalls homosexuellen André Gide schreibt er nach der Lektüre von dessen rückhaltloser Autobiografie: »Einem gewissen Schriftstellertyp tut das stilisierte und ins Symbol gekleidete Bekenntnis auf die Dauer nicht Genüge, und seit der Lektüre Ihres Buches träume ich bestimmter, als ich es vorher tat, von meiner eigenen Lebenserzählung.«

Doch dieses Projekt hat den Traumzustand nie verlassen. Am Lebensende zumindest als Fragment ausgeführt hat Thomas Mann hingegen die bereits zwischen dem »Tod in Venedig« und dem »Zauberberg« begonnenen »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, eine Art Wunsch-Autofiktion, von der er im Tagebuch als seinem »homosexuellen Roman« spricht. Darüber hätte ich in Lahmes Biographie gerne mehr erfahren, der man besonders gegen Ende die Zeitknappheit anmerkt, unter der sie geschrieben wurde. Doch solche Desiderata, von denen es einige gibt, sind Kleinigkeiten, und nachfolgenden Thomas-Mann-Forschern und -Schreibern muss ja auch etwas zu tun bleiben. Was jedenfalls nach dieser maßstabsetzenden Biographie nicht mehr geht, ist über Thomas Manns Homosexualität achselzuckend, leichtfertig oder gar peinlich berührt hinwegzugehen oder – und auch das ist in der Vergangenheit geschehen – Texte zu verstümmeln oder Briefe zurückzuhalten, um den verehrten Autor nicht allzu schwul erscheinen zu lassen. Nein, die Homosexualität führt ins Herz von Manns Lebens wie seiner Literatur. Selbst von seiner Bisexualität zu sprechen, wie eine beliebte Kompromissformel lautete, ist da nur eine Ausflucht. Nicht zuletzt darum geht es bei der ausführlichen Rekonstruktion des Besuchs der jungen Susan Sontag mit zwei Kommilitonen bei Thomas Mann im Dezember 1949 – ein Höhepunkt von Lahmes an Höhepunkten nicht gerade armer Darstellung. Von ihren »Fortschritten in Bisexualität« hat Susan Sontag später ironisch gesprochen. Und damit nichts anderes gemeint, als vor ihrer eigenen sexuellen Identität davongelaufen zu sein.

Tilmann Lahme
Thomas Mann
Ein Leben
Mit Susan Sontags nie gedrucktem Essay
»Bei Thomas Mann«
Gebunden mit Schutzumschlag, 588 Seiten
Erscheint am 23.5.2025
dtv

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