BUCH DER WOCHE 5/26

Uwe Neumahr: »Die Buchhandlung der Exilanten«

Was ist eine Buchhandlung? Laut allgemeinster Definition handelt es sich um ein Geschäft, das Bücher verkauft, meist an Endkundinnen und Endkunden. Gegebenenfalls werden auch Bestell- und Beratungstätigkeiten übernommen. Das Buch ist danach eine Ware wie jede andere, Nägel etwa oder Shampoo. Bücherliebhaberinnen und -liebhaber werden an dieser Stelle laut aufschreien. Selbst wenn es Buchhandlungen gibt, die ihr Geschäft in der Tat auf diese basalen Tätigkeiten beschränken – eine Buchhandlung kann ungleich viel mehr sein: ein Ort der Kommunikation über Bücher, ein aktives Zentrum des Kulturlebens, zuweilen sogar ein Zufluchtsort in unruhigen, lebensbedrohlichen Zeiten. Unter anderem davon handelt dieses Buch.

Adrienne Monnier, eine der großen weiblichen Gestalten des Pariser Kulturlebens in den 1920er und 30er Jahren und dann in der Zeit der deutschen Besatzung und der Verfolgung, nannte ihre 1915, mitten im Ersten Weltkrieg gegründete Buchhandlung »La Maison des Amis des Livres«. Von gewöhnlichen Buchhandlungen unterschied sich ihr Haus der Bücherfreunde schon dadurch, dass es auch eine Leihbücherei war – in der Hochzeit mit 600 Subskribenten, darunter die Crème de la Crème des Pariser Kulturlebens, von Paul Claudel bis Simone de Beauvoir, die hier als mittellose Studentin ihre Entdeckungsreisen in die Literatur startete. Monnier hatte den Anspruch, alle Bücher, die sie zum Verkauf anbot, vorher selbst gelesen zu haben. Die Idee mit der Leihe war da nur konsequent: Schließlich wollte sie den Bücherfreunden, die zu ihr kamen, nicht zumuten, was sie für sich selbst in Abrede stellte: ein Buch zu erwerben, ohne es vorher zu kennen.

Adrienne Monnier, fotografiert von Gisèle Freund

Doch Monniers Haus der Bücherfreunde war noch weit mehr als ein Handel mit Büchern. Neben Lesungen veranstaltete sie Gesprächsrunden, Ausstellungen, zuweilen sogar musikalische Darbietungen. »Geistige Zusammenkünfte« nannte sie das. Bücher waren für sie eben etwas anderes als gewöhnliche Waren. Sie waren Geistesprodukte, und als solche hatte man sich mit ihnen zu beschäftigen. Aus diesem Grund reicht es auch nicht, Adrienne Monnier einfach als Netzwerkerin zu beschreiben. Das Netz, das sie zwischen den in Paris lebenden Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern knüpfte, war auf Freundschaft und geistigen Austausch gegründet. Sie hielt es für wichtiger, mit den Menschen und ihren Dingen, gerade auch den Büchern, in guter Freundschaft zu leben als sie zu verehren oder von ihnen zu profitieren.

1917 lernte Adrienne Monnier die fünf Jahre ältere Amerikanerin Sylvia Beach kennen, die bereits als Teenagerin drei Jahre in Paris verbracht hatte. Als junge Frau kehrte sie dorthin zurück und eröffnete 1919 nach dem Vorbild des Hauses der Bücherfreunde »Shakespeare and Company« – Buchhandlung, Leihbücherei und Salon für die über 20.000 Anglo-Amerikaner in Paris, darunter Leute mit heute so klangvollen Namen wie Gertrude Stein, Ernest Hemingway, Djuna Barnes oder Janet Flanner, vereint unter dem Rubrum »Lost Generation«. Irgendwie dazu gehörte auch der Ire James Joyce, dessen »Ulysses« nicht nur ihn selbst, sondern ebenso Sylvia Beach und »Shakespeare and Company« weltberühmt machen sollte – als Verlegerin bzw. Verlagsbuchhandlung des vielleicht bedeutendsten Romans des 20. Jahrhundert.

Sylvia Beach, fotografiert von Gisèle Freund

Uwe Neumahrs »Die Buchhandlung der Exilanten« erzählt die Geschichte der beiden Frauen und ihrer Buchhandlungen. Von 1921 an lagen die beiden Ladenlokale sogar einander gegenüber in derselben Straße, der Rue de l’Odéon am linken Seineufer, weshalb man in Frankreich bis heute auch gerne von »Odéonie« spricht. »Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten.«

Das Haus der Bücherfreude, ca. 1915

»Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen«, schreibt Uwe Neumahr. Schon bald verband Adrienne und Sylvia auch eine Liebesbeziehung, die sich als Freundschaft sogar dann noch fortsetzte, als Adrienne Monnier Sylvia Beach kurzerhand durch die Fotografin Gisèle Freund ersetzte, eine Berliner Jüdin, die 1933 nach Paris emigriert war. Nun gab es im Haus der Bücherfreunde auch Fotoausstellungen.

Adrienne Monnier und Sylvia Beach

Uwe Neumahr berichtet von all dem sehr kenntnisreich und unaufgeregt, nicht im gerade modischen historischen Präsens und dennoch nah an seinen Figuren, ohne je indiskret zu werden. Es ist eine Lust, das zu lesen. Dass er dennoch ein bestimmtes Ziel verfolgt, merkt man alsbald, wenn er die Chronologie aufsprengt und einen zweiten Handlungsstrang einführt, der erst 1939 beginnt und 1943 nach vielen Pendelbewegungen mit dem ersten wieder zusammengeführt wird. Diese Freiheit des Erzählens führt zu vielen reizvollen Echoeffekten, aber auch zu Irritationen wie der, dass »Shakespeare and Company« in der Erzählfolge zuerst geschlossen (1941) und wenige Seiten später dann von den Freunden der Buchhandlung gerettet wird (1935). Aber ich bin damit gut zurechtgekommen, nicht zuletzt, weil mich die Intention dahinter überzeugt hat: über die années folles, die verrückten Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, in denen so gut wie alles möglich zu sein schien, die années héroïques nicht zu vernachlässigen, jene heroischen Jahre von 1939 bis 1944, als die beiden Buchhandlungen, insbesondere Adrienne Monniers Haus der Bücherfreunde, zu Zufluchtsorten von deutsch-jüdischen Exilanten wurden und die beiden Frauen alles in ihrer Macht stehende unternahmen, um ihre Freunde, darunter Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Arthur Koestler, zu retten. Das bleibende Verdienst von Uwe Neumahr ist es, auf Basis von Archivstudien zum ersten Mal in monografischer Form dieses so bewegende wie heldenhafte Kapitel deutsch-französischer Geschichte zu erzählen.

Die Lektüre seines fabelhaften Buches hat meine Aufmerksamkeit aber noch in anderer Hinsicht geschärft: für die großartigen Bemühungen zahlreicher Buchhändlerinnen und Buchhändler auch heute, aus ihren Läden mehr zu machen als Verkaufs- und Besorgungsstellen: durch Leseberichte, die den ausgelegten Büchern beiliegen, durch Lesungen, die in der Regel viel Aufwand und wenig Umsatz bedeuten, durch eine nimmermüde kenntnisreiche Freundlichkeit, mit der sie orientierungssuchende Kauf- und Lesewillige mit Neuerscheinungen bekannt machen.  Auf diese Weise werden ihre Buchhandlungen zu Häusern der Bücherfreunde: Orten der Kommunikation über Bücher, aktiven Zentren des Kulturlebens. Dass sie eines Tages sogar wieder Zufluchtsorte in lebensbedrohlichen Zeiten werden (müssen), bleibt uns dagegen hoffentlich erspart.

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