BUCH DER WOCHE 4/26
Paul Ingendaay: »Entscheidung in Spanien«
Wie so viele zeitgenössische Literaten, Künstler und Intellektuelle reisen auch die beiden ältesten Mann-Kinder Erika und Klaus in den 1930er Jahren nach Spanien, von dem Wunsch getrieben, für einige Wochen an dem heroischen Kampf gegen den Faschismus teilzuhaben. Der Bürgerkrieg geht zu dieser Zeit, im Juni 1938, bald schon ins dritte Jahr – und die Niederlage der aus Sozialisten und Anarchisten, Liberalen und Kommunisten gemischten Volksfront zeichnet sich seit längerem ab.
Die Mann-Geschwister aber nehmen von ihrem Spanien-Trip genau den gegenteiligen Eindruck mit: als bestehe noch Hoffnung, dass die Volksfront ihre erbarmungslosen inneren Machtkämpfe überwinden, und sogar die noch größere Hoffnung, dass sie gegen die Franquisten siegen könne. Hans Kahle, ein Kommandant der Internationalen Brigaden, schenkt ihnen zum Abschied Schallplatten des Kommunisten Ernst Busch, der in Lazaretten und Schulen und auch an der Front für die Spanien-Kämpfer gesungen hat – hochgestimmte Verse wie: „Doch wir sind bereit, wir kämpfen und siegen für Dich, Freiheit“. Busch, das wissen sie nicht, ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Monaten nicht mehr in Spanien, er wurde ausgewiesen von den »eigenen« Leuten, angeblich wegen Überschreitung seiner Kompetenzen. Als Erika und Klaus nach ihrer Rückkehr aus Spanien den bereits die Koffer für die weitere Emigration in die USA packenden Vater in der Schweiz besuchen, werden die Platten aufgelegt. »Groß der Kinder Eindruck von der spanischen Front«, notiert Thomas Mann in sein Tagebuch. »Die Geschwister haben sich in Spanien rühren lassen, aber die Zeichen nicht gelesen«, kommentiert Paul Ingendaay ihren Trip. »Sie haben auf die sinnliche Wahrnehmung vertraut, statt auf Militärkarten zu schauen und sich mit Panzern und Truppenstärken, mit Ressourcen und Nachschublinien zu befassen.« Es ist eine der seltenen Stellen, an denen Ingendaay über das von ihm berichtete Geschehen derart entschieden urteilt.
Entscheidung in Spanien« ist ein ausgezeichnet geschriebenes, spannend zu lesendes, kenntnisreiches und zugleich einfühlsames, vor allem aber sehr aufmerksames Buch. Zwar folgt es der Chronik des Bürgerkriegs, ist aber eher dessen Wirkungsgeschichte im Livemodus – ein Buch darüber, was die Erfahrung dieses Krieges in den Köpfen und Herzen der zeitgenössischen Künstler und Literaten anrichtet – denjenigen, die mit Schreibmaschine und Fotoapparat von der Front berichten, sowie den anderen, ebenfalls Frauen und Männern, die in einer der Interbrigaden kämpfen. Wer die Geschichte schon zu kennen meint und Namen wie Hemingway, Robert Capa oder Picasso flüssig herunterbetet, lernt bei der Lektüre ungleich viel mehr: etwa, dass an der Seite Capas, der gleich 1936 mit dem »fallenden Soldaten« das bis heute berühmteste Kriegsfoto der Welt »schießt«, die deutsche Fotografin Gerda Taro nach Spanien kommt, die ihm an Können und Wagemut in nichts nachsteht. Im Kampf um Brunete wird sie im Juli 1937 tödlich verwundet, überrollt von einem sowjetischen Panzer, der unter heftigen Beschuss der deutschen Legion Condor geraten ist, deren Bomben da schon die kleine baskische Stadt Guernica vernichtet haben. Im aussichtslosen Kampf um Brunete fällt auch der 29-jährige Julian Bell, der Neffe von Virginia Woolf. Keine 40 Tage ist es her, dass er mit idealistischem Feuer und gegen den Rat seiner Tante als Sanitätsfahrer nach Spanien gegangen ist – eine der vielen bewegenden Geschichten dieses Buches. Oder Simone Weil: Die junge, mit dem Anarchismus liebäugelnde Philosophin ist eine der Ersten, die zum Kämpfen nach Spanien fahren. Körperlich ungeschickt und extrem kurzsichtig tritt sie nach wenigen Tagen an der Front in eine Pfanne mit siedendem Öl und erleidet schwere Verbrennungen, die ihr beinahe das Bein kosten. Der Krieg ist für sie schon zu Ende – die geistige Verarbeitung, was da in Spanien geschieht, hat aber gerade erst begonnen und führt sie bald zu Sätzen wie diesen: »Die Notwendigkeiten und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch die Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will.« Und diese fundamentale Einsicht gilt für jeden Krieg.
So ist »Entscheidung in Spanien« vor allem ein Buch über die Erfahrungen geworden, die Menschen mit dem Krieg machen. Für die wirklichen Helden dieses Buches – Simone Weil etwa, George Orwell oder auch Arthur Koestler – wird die Erfahrung des Krieges zur großen Entzauberung jener Ideale, derentwegen sie nach Spanien gekommen sind. Die Lügen, der Verrat und die Grausamkeit entleeren das Kriegsführen ethisch und moralisch. Ekel vor dem Töten oder auch nur dessen Missbilligung ist kaum anzutreffen – und das noch nicht einmal ausschließlich auf Seiten der Franquisten; die Kommunisten und Anarchisten stehen ihnen darin wenig nach. Der Zweck heiligt die Mittel, und immer wieder hat man den Eindruck, als würde das idealistisch verbrämte Mittel sogar zum eigentlichen Zweck. »Es lebe der Tod«, brüllen die Franco-Anhänger. Und meinen damit immer auch: »Tod den Intellektuellen«, den Nachdenklichen.
Einer der Nachdenklichen, der in diesem Bürgerkrieg früh ermordet wird, ist der erst kürzlich auf dem Zenit seines Ruhms angelangte große spanische Dichter Federico Gracía Lorca. Der von Franco angeführte Militärputsch liegt gerade einen Monat zurück, da wird der homosexuelle Poet festgenommen und wenige Tage später mitten in der Nacht auf offener Landstraße zusammen mit drei anderen Republikanern erschossen – liquidiert, wie man sagt –, seine Leiche im Straßengraben verscharrt. Doch seine Verse bleiben lebendig. Zwar können sie das Gemetzel des Krieges nicht aufhalten und die Lektüre seiner Gedichte rettet auch niemandes Leben vor den rollenden Panzern und den aus der Luft abgeworfenen Bomben, die zunehmend den Tod von der Front in die Dörfer und Städte verlagern. Aber sie rufen ein anderes Bild vom Leben und vom Menschen herauf als jenes, für das die Kriegführenden stehen. »Grün wie ich dich liebe grün«, dichtet Lorca: »Grüne Brise. Grüne Äste. / Auf dem weiten Meer das Schiff / und das Pferd auf steilen Bergen.«