BUCH DER WOCHE 3/26

Katerina Poladjan: »Goldstrand« 

Der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ist dieses Jahr an die in Moskau geborene, als Kind nach Deutschland gekommene Schauspielerin und Autorin Katerina Poladjan und ihren im letzten Herbst erschienenen Roman »Goldstrand« gegangen. Grund genug, das Buch endlich zu lesen.

Ein Mann – Eli, ungefähr 60 Jahre alt – erzählt von seinem Leben und seiner Familie. Unaufhörlich, beinahe zwanghaft, aber äußerst charmant. Er ist Filmemacher, und seine Erzählungen haben die Gestalt von Filmskripten. Szenen, Dialoge, Close-Ups, Schnitte, Abblenden. Er erzählt, und wir bekommen Einblick in sein Kopfkino. Eli erzählt, um sich zu vergewissern. Und sich Distanz zu verschaffen. Er erzählt, um sich zu erinnern. Und zu vergessen. Er erzählt, um für die Zeit des Erzählens die Angst zu verlieren. Um die Welt gütig zu stimmen. Um für sich einzunehmen. Er erzählt um sein Leben.

Die einzige Person, die ihm einigermaßen verlässlich zuhört, ist seine römische Psychotherapeutin. Meistens schweigt sie. Selten fragt sie nach. Immer aber sagt sie irgendwann: »Die Zeit ist um«. Doch selbst die »Dottoressa« entpuppt sich mehr und mehr als eine Figur von Elis filmischen Fantasien. Eli ist ein sehr unzuverlässiger Erzähler. Katarina Poladjans Roman spiegelt das perfekt.

Elis römische Mutter Francesca stammt aus einer Familie mit faschistischer Vergangenheit. Seinen Vater hat er nie kennengelernt; gezeugt wurde er bei einem One-Night-Stand an einem Strand der bulgarischen Schwarzmeerküste, dem Titel gebenden Goldstrand, einem sozialistischen Ferienprojekt. Dessen Architekt, Sprössling einer aus dem bolschewistischen Russland nach Odessa geflüchteten Familie, ist sein Vater. »Goldstrand« ist so auch eine Familiengeschichte, in der sich die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts spiegeln. Die Unzuverlässigkeit des Erzählers Eli hat ihren Grund nicht zuletzt in dieser Familiengeschichte der permanenten Trennungen, der existenziellen Ungeborgenheit.

Und doch liest sich der kurze Roman wunderbar leicht. Man fühlt sich getragen von der lakonischen, zuweilen ironischen, durchweg verzaubernden Erzählweise einer Autorin, die mit spielerischer Souveränität über ihre sprachlichen Mittel gebietet. Alles, was Katerina Poladjan mit ihrem narrativen Zauberstab berührt, scheint sich in einen Goldstrand zu verwandeln. Wer dort einmal verweilt hat, sehnt sich danach zurückzukehren.

Die literarische Hausapotheke meint:

Man möchte nicht Eli sein. Als Elis Tochter Vera seinen ambitioniertesten und persönlichsten Film sieht, sagt sie nur: »Ich weiß nicht, was das soll.« Mitleidloser geht es kaum. Aber Eli kann uns trotzdem dazu inspirieren, rückhaltlos drauflos zu erzählen. Uns endlich die ganze vertrackte Geschichte von der Seele zu reden. Damit wir nicht daran ersticken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert