Auf »freilesen.com« geht es um die Freiheit des Lesens. Versteht die sich aber nicht von selbst? Schließlich lesen wir, was wir wollen. Doch wie alle Freiheiten musste und muss auch die Freiheit des Lesens erstritten werden: gegen Indexe, gegen Bücherverbote und Bücherverbrennungen, gegen Analphabetismus und Bildungsarmut, gegen Lesegebote und Leseverbote, gegen die Untugend der Feigheit und die Macht der Medien.

Freiheit des Lesens ist aber mehr noch als die Beseitigung von Verboten und Hindernissen. Sie ist auch eine Sache des Kopfes und des Herzens. Frei im Kopf und im Herzen und dann auch im Leben wären wir alle gerne, und Literatur ist dafür eine gute Voraussetzung, so meine tiefe Überzeugung. Lesen tröstet nicht nur, sondern befreit – nicht zuletzt von all dem Ballast, der sich in unserem Kopf angesammelt hat und uns die Aussicht versperrt. So bringt es uns auf neue Gedanken, wie wir die Welt verstehen und was wir mit unserem Leben anfangen können. Am Anfang meiner Tätigkeit als Autor stand ein Buch, dessen Titel es zu einem geflügelten Wort gebracht hat: Frauen, die lesen, sind gefährlich. Das ist nun gut 20 Jahre her, aber das Thema Lesen und Emanzipation hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und bildet auch einen Schwerpunkt von »freilesen.com«.

»Lesen hat die Welt verändert und verändert sie weiterhin.«

Virginia Woolf

Regelmäßig werde ich mich hier zu Wort melden. Das können Besprechungen der Bücher anderer sein – Titel, die hervorstechen aus den laufenden Neuerscheinungen oder die es wert sind, dass wir sie von Neuem lesen. Besonders interessieren mich Bücher, die Poesie und Wissen miteinander verbinden, und das nicht auf Kosten der Literatur. Andere Texte kommen direkt aus meiner Werkstatt, etwa wenn ich an einem neuen Buch arbeite. Das geht in diesem Frühjahr gleich los mit einer literarischen Hausapotheke, die nach der Art von Beipackzetteln Bücher vorstellt, die wirken – bei Liebeskummer und innerer Unruhe, bei Burnout und familiärem Stress, bei Fernweh und politischen Ohnmachtsgefühlen (um nur einige Anwendungsbereiche zu nennen). Und ich starte eine Kolumne, die sich – von leicht bis schwer – mit den Fragen befasst, die das Leben so mit sich bringt.

Freilesen.com – für die Wirklichkeit der Literatur

Noch ein paar Worte zu mir: Zusammen mit meiner Familie lebe, lese und schreibe ich seit über 20 Jahren in München, über dessen große Zeit des Aufbruchs um 1900 ich 2023 ein Buch veröffentlicht habe: Zeit der Verwandlung. München 1900 und die Neuerfindung des Lebens. Neben dem Bücherschreiben habe ich in dieser Zeit auch als Verlagslektor – als professioneller Leser und Programmmacher – gearbeitet: zuerst bei der DVA, danach fast 20 Jahre bei C.H.Beck. Davor habe ich an der Universität Mannheim für einige Jahre Literaturwissenschaft gelehrt und einen eigenen kleinen Verlag geführt. Und noch vorher habe ich in Germanistik über Thomas Mann promoviert und ein besonders schönes Jahr meines Lebens in Paris verbracht. Zur Welt gekommen und groß geworden bin ich in Düsseldorf, zu einer Zeit, als dort Beuys Kunst lehrte, im Ratinger Hof gerade der Punk erfunden wurde und das Leben hell und frei erschien.

Stefan Bollmann