BUCH DER WOCHE 6/26

Andrea Stoll: »Zwei Menschen sind in mir«. Ingeborg Bachmann

Was für ein Privileg und eine Chance, das Lebensbuch ein zweites Mal schreiben zu können – auf der Grundlage wesentlich erweiterter Quellen und mit all der Souveränität, die die akkumulierte Erfahrung im Umgang mit dem Stoff mit sich bringt. Die Autorin und Filmemacherin Andrea Stoll hat diese Chance genutzt und legt nach »Der dunkle Glanz der Freiheit« (2013) nun zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns mit »Zwei Menschen sind in mir« eine vollständig überarbeitete Fassung ihrer Biografie vor. Mit zunehmender Anteilnahme und beinahe atemlos habe ich sie von der ersten bis zur letzten Seite gelesen.

Von der Zeit, die Ingeborg Bachmanns Leben wie auch ihr Werk wahrscheinlich am stärksten geprägt hat, wissen wir am wenigsten: Im Februar 1944 bleibt die Siebzehnjährige allein in Klagenfurt zurück, um das Abitur ablegen zu können, während die Mutter zusammen mit den beiden jüngeren Geschwistern nach schweren Luftangriffen aufs Land flüchtet. Der Vater, seit 1932 schon Mitglied der NSDAP, ist 1939 zum Kriegsdienst eingezogen worden und zu dieser Zeit in Schlesien stationiert – fern der Familie. Inmitten eines zum Teil in Trümmern liegenden Elternhauses und in ständiger Todesgefahr schwebend ist die junge Ingeborg in diesen Wochen und Monaten mutterseelenallein. Beim verheerenden Bombenangriff am 15. März kommt die Nachbarsfamilie ums Leben. Danach lebt in Ingeborgs Klagenfurter Straße niemand mehr – außer ihr selbst. Das vorverlegte Abitur hat sie zwischenzeitlich bestanden. »Was dieses Alleinsein inmitten der Bombenangriffe für sie bedeutete, lässt sich nur erahnen«, konstatiert Andrea Stoll. »Das abgedunkelte Elternhaus mit seinen zerborstenen Fensterscheiben wurde zum täglichen Sinnbild eines in Stücke zerschlagenen Lebens.«

Ingeborg Bachmann 1962 in Rom, fotografiert von ihrem Bruder Heinz

Ingeborg Bachmann verarbeitet diese traumatische Erfahrung der Verlassenheit und Todesangst ein Leben lang – in ihrem Schreiben. Doch wird sie den Schrecken nicht los. Immer wieder kehrt er zurück – bei Schreibblockaden, unter denen sie zeitlebens leidet, und vor allem dann, wenn ihre Liebesbeziehungen zerbrechen – was sich ebenfalls ein Leben lang wiederholt. Am schlimmsten ist es bei Max Frisch, der es nicht aushält, dass die geliebte Frau auf ihre Unabhängigkeit in schriftstellerischer wie auch in sexueller Hinsicht pocht – und sie daraufhin mit einer Jüngeren verlässt. Da bricht sie zusammen, schlimmer als jemals zuvor – eine Retraumatisierung. Die Abhängigkeit von Beruhigungs- und Aufputschmitteln und auch vom Alkohol nimmt noch einmal zu, und sie war doch schon vorher, zur Zeit der zerstörerischen Beziehung mit Max Frisch, desaströs genug. Ingeborg Bachmann schreibt weiter, vorerst ohne zu veröffentlichen, doch die Rolle ihres Schreibens verändert sich. Zunehmend nutzt sie es als Waffe. Sie protokolliert ihre Schmerzen und schützt sich mit der Literatur vor dem Leben, indem sie die tatsächlichen Umstände ignoriert, sie fiktionalisiert und so ein Stück weit die verlorene Kontrolle zurückgewinnt. Von „Gespensterbriefen“ und „Gespenstergedichten“ spricht Andrea Stoll. Andererseits aber wird Ingeborg Bachmann nun nicht müde, unter ungeheurer nervlicher Anspannung und mit unbändiger Besessenheit das Miteinanderleben auch in Friedenszeiten als permanenten Krieg zu entlarven, insbesondere was die Beziehung von Männern zu Frauen anbelangt. Da sind letztere stets die Opfer, natürlich auch sie selbst. Das ist das große Thema ihres Romans Malina, der trotz aller Kritik und seiner experimentellen Schreibweise ein großer Bestseller wurde.

 

Das öffentliche Bild Ingeborg Bachmanns ist bis heute das einer Diva, einer Vorzeigefigur auf dem spiegelglatten Parkett des internationalen Kultur-Jetsets zwischen Paris, Rom, Zürich und Berlin. Dass sie dabei die „Zwangsjacke der Einsamkeit“, wie das ihr Freund, der Komponist Werner Henze nannte, nie abgestreift hat, ist vielen, die ihr persönlich näherkamen, schnell klar geworden. Bevor sie sich in die große Welt aufmachte, hat sie als junge Frau mehrere Jahre im Nachkriegswien verbracht, Philosophie studiert und erste tastende Versuche als Schriftstellerin unternommen. In dieser Zeit hat sie auch Ilse Aichinger kennengelernt, die mit ihrem Roman »Die größere Hoffnung« 1948 einen großen Erfolg feierte und zu Bachmanns Vorbild wurde. Die beiden Frauen verband eine Seelenfreundschaft, nicht zuletzt deshalb, weil Ilse Aichinger Ingeborgs Verlassenheitsängste sehr gut kannte – es waren ihre eigenen. Ilse Aichinger hatte sich in den Kriegs- und Besatzungsjahren zusammen mit ihrer Mutter, einer jüdischen Ärztin, in einem winzigen Untermietzimmer in nächster Nähe zum Wiener Gestapo-Quartier verstecken und dabei die Deportation ihrer geliebten Großmutter miterleben müssen. In Tagebuch-Eintragungen aus dem Jahr 1945 spricht sie im märchenhaften Ton davon, eingeladen zu sein »bei der Frau Verlassenheit« und malt sich das von ihr bewohnte Zimmer vollgestellt mit Spiegeln aus, und in jedem Spiegel sehe man nur das eigene Gesicht. »Willst du zu ihr sprechen – so hört sie Dir nicht zu! Willst Du mit ihr spielen – so sieht sie weg!« Früh hat llse Aichinger ihre erfolgshungrige Freundin vor »dem Wirbel und dem Betrieb« gewarnt, den sie für gefährlich hielt, „sobald er einem keine Zeit mehr lässt, Heimweh zu haben und diese Verlassenheit zu spüren, die mit uns allen identisch ist«.  Doch Ingeborg Bachmann ist ihrem Rat nicht gefolgt, konnte das wohl auch nicht, und die Freundschaft zerbrach.

Jahre später, nach dem Zusammenbruch, ist Ingeborg Bachmann eine Zeitlang bei einem Arzt in Behandlung, der ansatzweise so etwas wie eine Traumatherapie entwickelt hat. Er nennt seine Behandlungsmethode mit einem von dem Philosophen und Psychiater Karl Jaspers entliehenen Begriff »Grenzsituationstherapie« und verbindet verhaltenstherapeutische Methoden mit Psychoanalyse. Traumatherapie war in den 1960er Jahren noch längst nicht so geläufig wie heutzutage; nicht nur das Bewusstsein, auch das medizinische und therapeutische Wissen von diesen Zusammenhängen war rudimentär, und dies angesichts einer ganzen Generation von Menschen, die Erfahrungen wie die von Bachmann und Aichinger durchgemacht hatten. Dabei ist Ingeborg Bachmann mit ihrer Hilflosigkeit, der Selbstentfremdung, den Angstzuständen, Panikattacken und ihren Süchten gewissermaßen ein Lehrbuchbeispiel für Traumafolgen. Wenn ich mir bei der Lektüre etwas gewünscht hätte, dann, dass Andrea Stolls Biographie dies nicht nur benennen, sondern etwas tiefer graben würde. Denn es ist vermutlich der Schlüssel zu Ingeborg Bachmanns lebenslangen Dissoziationsgefühlen, die der Titel des Buches mit einem Zitat doch so treffend benennt: »Zwei Menschen sind in mir«. 

Auch mit ihrer aus Scham erwachsenen Neigung, ihre dämonische Seite vor sich selbst und den anderen verstecken und nach außen hin das Bild einer erfolgreichen, souveränen Frau vermitteln zu wollen, ist Ingeborg Bachmann beileibe kein Sonderfall; das war und ist sie allein durch ihre ungeheure literarische Begabung und ihre einsame Konsequenz, sich schreibend einen Weg zu bahnen und die Dämonen in Schach zu halten, wie sie das selbst nannte. Dem verdanken wir literarische Texte, Prosa wie Lyrik, die in ihrer sprachlichen Intensität und funkelnden Eleganz ihresgleichen suchen, und uns zugleich dort anzusprechen vermögen, wo unsere tiefsten Ängste und unser größter Schmerz sitzen. Wo die Theaterstücke und Romane eines Max Frisch etwa längst Patina angesetzt haben, haben die Sprache und die Themen von Ingeborg Bachmann an Gegenwärtigkeit und Brisanz noch gewonnen. Welch hoher, letztlich lebensvernichtender Preis dafür allerdings zu entrichten war, lässt sich Andrea Stolls großartiger Biographie unter Jammer und Schaudern entnehmen.

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