BUCH DER WOCHE 2/26
Ferdinand von Schirach: »Alexander«
Die monströsen Geschichten des Strafverteidigers von Schirach habe ich verschlungen; bei den Theaterstücken bin ich dann ausgestiegen, das war mir zu sehr Bühne als Talkshow und moralische Anstalt. Nun aber hat dieser Ausnahmeautor mein Leserherz und meinen Leserverstand wieder erobert, mit einer kleinen Erzählung, die sich an ein junges Publikum wendet. »Alexander« ist ein echtes Juwel, und das nicht zuletzt, weil von Schirach hier Witz und Humor beweist. Die behandelte Frage nach den gerechten Gesetzen und den Prinzipien der Demokratie gewinnt dadurch eine Leichtigkeit, die Buch wie Fragestellung guttut.
Bei einer Erzählung, die »Alexander« heißt und in der Antike spielt, denkt jede(r) natürlich sofort an Alexander den Großen, und wesentliche Bestandteile von dessen Vita wie die Begegnung mit Diogenes in der Tonne oder sein Pferd Bukephalus hat sich von Schirach für seinen Plot nicht entgehen lassen. Doch sein Alexander ist nicht der großformatige, über Menschenleben und Menschendinge hinwegschreitende Eroberer – nicht einmal in jungen Jahren; er ist ein gewöhnlicher kleiner, vaterloser Junge, noch ein Kind, das von den Einwohnern der von einem Tyrannen gebeutelten Stadt Kalistes dazu ausersehen wird, unvoreingenommen und interesselos nach neuen, Gerechtigkeit verbürgenden Gesetzen zu suchen. Gerade sieben Tage hat er dafür Zeit.
Und macht sich auf die Reise. Alle Menschen, denen er unterwegs begegnet, gerade auch die Exzentriker unter ihnen, lehren ihn etwas, das zur Erweiterung seines Verständnisses von Demokratie beiträgt. Natürlich sucht er auch das berühmte Orakel auf. Und muss feststellen, dass es gerade geschlossen hat; man ist in Ferien. Nur eine alte Frau, die dort sauber macht, das Orakel sozusagen entstaubt, trifft er in der Säulenhalle des Tempels an – gerade sie aber entpuppt sich zuletzt als das wahre Orakel. Das ist so komisch wie erkenntnisreich, wie auch die Idee, dass aus dem Amt gejagte Tyrannen oder Autokraten zur Buße und Belehrung in eine große, öffentlich aufgestellte Wanne gesetzt werden, in der sie den ganzen Tag Schaum schlagen müssen – was sie auch brav tun, damit man nicht sieht, dass sie nackig sind. Wer sich jetzt Putin oder Trump in einer solchen Wanne vorstellt, hat einiges von dem augenöffnenden Witz dieses Büchleins begriffen.
Ab 10 Jahren
Mit Zeichnungen des Autors
Die literarische Hausapotheke rät:
Lesen Sie dieses Buch, wenn der Zustand der Welt, die neuen Kriege und das Erstarken autokratischer Kräfte bei Ihnen Gefühle der Verzweiflung und Ohnmacht auslösen. Man kann sie nicht »weglesen«, wohl aber wieder Mut schöpfen in Zeiten, wo der Mut jedes Einzelnen zukunftsentscheidend sein kann. „We likkle but we tallawah“ (wir sind zwar klein, aber doch ganz groß), lautet ein jamaikanisches Sprichwort.