BUCH DER WOCHE 1/26

Anja Gmeinwieser: Wir Königinnen

»Ich habe mein Telefon mit einer übertriebenen Geste vom ersten Gipfel geworfen, als ich feststellte, dass ich alle fünf Minuten nachsehen wollte, ob da neue Nachrichten waren. Der Befreiungsschlag, von dem du seit Jahren träumst, du wirfst, hörst es aufschlagen, hörst es zerspringen, du fühlst dich kurz großartig, ich meine, wenn du dein Handy wegwerfen kannst,
kannst du alles.«

Die namenlose, Ende dreißigjährige Ich-Erzählerin dieses unterhaltsamen Debüt-Romans hat sich Urlaub vom Leben genommen. Ist allein in die Berge gegangen, um beim Wandern zu überwinden, was sie ihre »Grundsatzdepression« nennt. Eigentlich hat sie alles erreicht, wovon sie geträumt hat: eine sichere, gut bezahlte Arbeit, eine zuverlässige Partnerschaft, eine bezahlbare Wohnung. Es ist alles geregelt – und trotzdem (oder gerade deshalb) fühlt sich ihr Leben nicht gut an, sagen wir es mit einem altmodischen Wort: sie sieht keinen Sinn darin, verspürt keine Herausforderung – was soll da noch kommen?

Doch so allein, vor allem mit sich selbst beschäftigt, wird sie ihren »Gedankenchef« im Kopf nicht los, es droht der nächste Leerlauf. Da begegnet sie einer anderen Frau im gleichen Alter, Anna aus Litauen. Sie könnte ihre Schwester sein und ist doch ganz anders: eine Königin der Landstraße, mit zwanzig Kühen in ihrem LKW, die sie bei brüllender Hochsommerhitze von Frankreich in die Türkei bringen muss. Die Kühe sind auch noch schwanger. So beginnt eine zuweilen irrwitzige und hochkomische Road Novel mit zwei Frauen als Protagonistinnen, die sich via Google-Übersetzer (dem auf Annas Smartphone) oder in streckenweise putzigem Englisch unterhalten. »It will be okay and it will be not okay at the same time. It is always like that. It is daily disaster.« In einem brillant erzählten Showdown an der bulgarisch-türkischen Grenze erwächst aus dem fortdauernden Desaster schließlich ein echter Befreiungsschlag.

Anja Gmeinwieser hat sehr gründlich über den Viehtransport in der EU recherchiert und ist auf ein perfides System gestoßen, das alle Beteiligten, auch Anna, auch die Fleischesser unter uns, gleichermaßen zu Opfern wie Tätern macht – die Tiere ausschließlich zu Opfern. »Wir Königinnen« ist aber auch ein Roman über »Sisterhood« – über das Wachsen einer so zerbrechlichen wie unverbrüchlichen Verbindung zwischen zwei ungleichen Frauen und die positive Energie, die das freisetzen kann. Das Leben ist zu grandios, um auf Nummer sicher zu gehen.

Fabelhaftes Erzählkino.

»Wir Königinnen« wurde gleich bei Erscheinen mit dem Literaturpreis Fulda 2026 ausgezeichnet. Weitere Preise werden mit Sicherheit folgen.

 

Die literarische Hausapotheke meint: Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie ein grundsätzliches Problem mit Ihrem geregelten Leben haben und nach Neuorientierung suchen.
»Wir Königinnen« ist eine große Ermutigung, im Leben mehr finden zu wollen als Sicherheit.

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