Dr. Bollmanns literarische Hausapotheke: Bücher, die durchs Leben helfen. Und wohltätige Wirkung entfalten bei den kleinen wie den großen Problemen, bei Langeweile und innerer Unruhe, bei Beziehungskrisen und mangelndem Selbstvertrauen, bei Burnout und familiärem Stress, bei Angstlust, Weihnachtsfrust, politischen Ohnmachtsgefühlen und vielem mehr.

»Der Zauberberg« von Thomas Mann

  • Roman aus dem Jahr 1924
  • Zur Anwendung bei Jugendlichen
    ab 14 Jahren und Erwachsenen
  • Wirkstoff: Entschleunigung
  1. Was ist „Der Zauberberg“ und wofür wird er angewendet?

»Der Zauberberg« ist ein extrem entschleunigender, das Lebenstempo bis zum Stillstand verlangsamender Roman aus der Gruppe der Bildungs- bzw. Entwicklungsromane, heute auch Coming-of-age-Romane genannt.

Anwendungsgebiete von »Der Zauberberg«

Heilmittel bei:

  • akuten Zeitproblemen, einschließlich belastendem Zeitdruck,
  • chronischen Zeitproblemen, insbesondere bei Chronophobie: der verbreiteten Angst vor der dem (zu schnellen) Vergehen der Zeit bzw. davor, zu wenig Zeit zu haben.

Obwohl wir in nahezu allen Lebensbereichen mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne erleben, leiden im Alltagsleben viele unter ständiger Zeitnot. Sie haben den Eindruck, nicht genug Zeit zu haben und dem zunehmenden Tempo des Lebens kaum mehr gewachsen zu sein. Beschleunigung nehmen sie vorrangig als Hektik, Stress und Zeitdruck wahr. Das im »Zauberberg« in allen Einzelheiten geschilderte stark verlangsamte, gleichförmige Leben in einem Sana­torium mit seinen stereotypen Abläufen, ausgedehnten Liegekuren und üppigen Mahlzeiten ist das extreme Gegenbild dazu – und war es schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans vor 100 Jahren. Hier hat man Zeit bis zum Abwinken. 1000 Seiten Entschleunigung – das allein sollte schon reichen, um selbst in hartnäckigen Fällen von Chronophobie den Zeitdruck wegzunehmen und ein Gefühl der Entschleunigung herbei­zuführen. Zudem lassen die weitschweifigen weltanschaulichen Diskurse, vorgetragen von den beiden Mentoren der Hauptfigur, durchweg gepflegte Lange­weile aufkommen, so dass sich die Lesenden binnen kurzem nach etwas mehr Action, Hektik und Dringlichkeitsgefühl regelrecht zu sehnen beginnen – Zeichen für das Einsetzen des Heilungsprozesses.

     2. Wie ist »Der Zauberberg« zu lesen?

In hartnäckigen Fällen von Chronophobie kann die Lektüre des »Zauberberg« über einen längeren Zeitraum erforderlich sein. Ohne auf das Zeitbudget der Lesenden Rücksicht zu nehmen, das bereits bei seinen Zeitgenossen knapp bemessen war, hat Thomas Mann sogar empfohlen, sein 1000-Seiten-Buch gleich zweimal zu lesen. Begründung: Seine »besondere Machart«, sein Charakter als Ideenkomposition bringe es mit sich, dass das Lesevergnügen „sich beim zweiten Mal erhöhen oder vertiefen wird – wie man ja auch Musik schon kennen muß, um sie richtig zu genießen«. Richtig daran ist zumindest, dass der Entschleunigungs­charakter von Thomas Mann Roman bei einer zweiten Lektüre noch stärker hervortritt, da nun die sowieso schon zweitrangige Frage, wie die Handlung weitergeht, so gut wie gar keine Rolle mehr spielt.

Wenn Sie eine größere Menge von „Der Zauberberg“ gelesen haben als Sie sollten

Als Symptom einer Überdosierung kann ein Lebensgefühl auftreten, für das bereits Bismarck das Wort „Wurschtigkeit“ verwendet hat: ein Zustand der Indolzenz, gefeit gegen Lob wie Tadel, sorglos bis zum Schlendrian, jeglicher Motivation abhold. Als spezifisches Gegenmittel (Antidot) eignet sich in solchen Fällen z.B. die Lektüre von »Wir Tiere« von Justin Torres: ein Coming-of-Age-Roman mit reichlich Beat: atemlos, dringlich, schrill.

       3. Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Die häufigste Nebenwirkung ausgedehnter »Zauberberg«-Lektüre besteht darin, in die Situation der Hauptfigur des Romans zu geraten. Der ist von der zeitentrückten Atmosphäre der Sanatoriumswelt so fasziniert, dass er für sieben Jahre alles andere vergisst, insbesondere sein berufliches und gesellschaftliches Fortkommen und auch die sowieso kaum noch bestehenden Familienbande. Das Buch kommt dem durchaus entgegen. Es ist, wie sein Autor klug bemerkt (und gewollt) hat, »selbst das, wovon es erzählt«. Indem es die »Verzauberung seines jungen Helden ins Zeitlose« schildere, strebe es selbst »durch seine künstlerischen Mittel die Aufhebung der Zeit« an. Doch so sehr wir dieser Magie, individuell verschieden, auch verfallen mögen – es werden ja kaum gleich sieben Jahre sein, die uns dieses Lese­abenteuer von den Forderungen des Tages fernhält.

Nebenwirkungen dieser Art lassen sich minimieren, indem die niedrigste wirksame Lektüredosis von einer Seite vor dem Schlafengehen über den kürzesten, zur Besserung der Symptome erforderlichen Zeitraum von einem Monat angewendet wird. Sie werden es dann womöglich nur bis Seite 30 schaffen, vermutlich aber trotzdem entspannter mit den Herausforderungen des beschleunigten Lebens umgehen.

      Verlegerischer Unternehmer und Hersteller: S. Fischer

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