Für so etwas wie einen Lebenswandel haben heute noch nicht einmal die Schwabinger mehr Zeit, meint der hier schreibende Kolumnist. Dabei entgeht ihnen etwas: Zum Beispiel der Tanz der Schwabinger Geister in den Raunächten.

Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand«, meinte dereinst eine reizende Gräfin. Da war das ländliche Idyll vor den Toren der Stadt München, benannt nach einem zugereisten Schwaben, soeben eingemeindet worden, und in der Folge wurden dort all die Neubauten errichtet, die heute als Altbauten die Begehrlichkeiten der Zugezogenen auf sich ziehen. Selbst ein gebürtiges Nordlicht, hielt Franziska zu Reventlow, besagte Gräfin, den Schwabinger Zustand immerhin 15 Jahre aus, zog dabei allerdings 17mal um, immer auf der Flucht vor den Vermietern, bei denen sie stets in der Kreide stand. Würde sie heute wiedergeboren, bekäme sie, der Kalauer sei mir verziehen, wahrscheinlich Zustände. Und das nicht nur angesichts der Schwabinger Mietpreise, sondern auch der Dreistigkeit, mit der ihre norddeutschen Landsleute sich so lautstark wie rüde um die Nachmiete der Bruchbuden bewerben, aus denen sie einst rausgeschmissen wurde: »Ich bin Junior Catastrophe Risk Analyst bei der Munich Re, arbeite 70 Stunden in der Woche und verdiene dementsprechend. Meine Frau hat eine unkündbare Stelle im öffentlichen Dienst und erreicht in ihrer Freizeit als Beauty-Influencerin Millionen auf der ganzen Welt mit ihren Videos. Und unser achtjähriger Sohn ist nicht nur Jahrgangsbester in der International School, sondern wurde auf Booktok für seine empathischen Leseempfehlungen gerade zum up-and-coming fledging writer gekürt. Außerdem sind wir ruhige Mieter.« – Kein Wunder, bei dem Programm.

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Heute würde die Gräfin wohl durch die Altschwabinger Kneipen ziehen und die BISS anbieten. Das ist die Abkürzung für »Bürger in sozialen Schwierigkeiten« und hier die Obdachlosenzeitung. Aber sie würde die Zeitung nicht nur verkaufen, sondern wäre zugleich deren meistgelesene Autorin. Franziska zu Reventlow schrieb nämlich enorm gut, ihrem Lebenswandel geschuldet allerdings auch enorm unregelmäßig. Und eigentlich schrieb sie stets Kolumnen – besser gesagt, alles, was sie schrieb, selbst die Romane, gerieten ihr unter der Hand stets zu  Kolumnen. So gesehen war sie Deutschlands erste Großkolumnistin – nur eben ohne feste Kolumne genauso wie ohne festen Wohnsitz.

Dafür hatte die Gräfin einen Lebenswandel, was heute den meisten Menschen abgeht, und den Schwabingern insbesondere. Die kommen zwar immer noch wie die Leute zu der Zeit, da hier die Boheme den Ton angab, von überallher, nur nicht aus München, geschweige denn aus Bayern. Aber für einen Lebenswandel haben sie einfach keine Zeit, so sehr sind sie damit beschäftigt, für ihren Unterhalt zu sorgen, indem sie durch ihren Job, den sie ständig wechseln, immer mehr Geld verdienen und es dann urban wie online wieder ausgeben, meist für Sachen, die sie einige Saisons später auf den hiesigen Hofflohmärkten verkaufen. Darüber hinaus sorgen sie sich um ihre Immobilien und Aktienfonds und schauen immer mal wieder nach ihren betagten Eltern in den Villenvororten der Republik. Die werden ihnen eines Tages ihr Zwiebelmuster-Service (117 Teile, komplett mit Sauciere und Sahnekännchen) vererben, das sie dann ebenfalls auf den hiesigen Hofflohmärkten anbieten werden. Um Weihnachten herum ist Schwabing heutzutage jedenfalls wie ausgestorben, alle sind mitsamt Partner*in, Kindern (soweit vorhanden) sowie ökologischem SUV bei der Herkunftsfamilie, abwechselnd seiner und ihrer. Es ist die schönste Zeit im Jahr, weil es dann Parkplätze en masse gibt, vor allem aber, weil dann die Geister wandern.

Wandern? Geister? Ja, Sie haben richtig verstanden, die Geister wandern hier, allerdings nur in den Raunächten vor dem Jahreswechsel, wenn Schwabing sich leert. Der Erste, der das bemerkt hat, war der französische Dichter Guillaume Apollinaire, als er 1902 für einige Wochen in München war. Durch Zufall hatte es ihn auf den alten Nordfriedhof ganz im Süden von Schwabing verschlagen, heute noch ein verwunschener Ort. Dort wurden, wie seinerzeit üblich, die Toten in der öffentlichen Leichenhalle hinter Glas aufgebahrt. Apollinaire kommen sie wie Mannequins vor, die der Ewigkeit entgegengrinsen. Plötzlich aber beleben sich ihre Augen und nach und nach legen sie ihr gespenstisches Aussehen ab, werden immer schöner, so dass der Dichter Zutrauen zu ihnen fasst und sie zu einem Spaziergang durch Schwabing einlädt. Unterwegs stoßen immer wieder Freunde der unlängst Verstorbenen zu der wandernden, sich unaufhörlich vermehrenden Schar, man trinkt und tanzt gemeinsam, Kinder dieser und der anderen Welt singen Lieder mit absurdem oder lyrischem Text, verliebte Tote versprechen Lebenden, dass sie auf sie warten werden. Schließlich erreicht man den Kleinhesseloher See im Englischen Garten, die Boote werden losgemacht und die Toten rudern die Lebenden über das Wasser. Auf dem Rückweg dann verliert sich die Schar nach und nach, die Lebenden gehen ins Wirtshaus, während der Dichter die Toten auf den Friedhof zurückbegleitet. Wieder zurück in ihren Vitrinen verlieren sie postwendend jede Erinnerung an das Geschehene, »aber die Lebenden bewahren die Erinnerung daran. Es war ein unverhofftes Glück, und so über jeden Zweifel erhaben, dass es ihnen unverlierbar schien.«

Apollinaire, der das Wort »Surrealismus« geprägt hat, hat diese Begebenheit in Versen aufgeschrieben – und wer in Schwabing bleibt zwischen den Jahren, kann das Glück haben, dem Zug der wandernden Geister zu begegnen, und sich einreihen. Frank Wedekind schreitet mit der Gitarre voran, singt seine Moritaten von Brigitte B. und dem Tantenmörder, direkt hinter ihm Arm in Arm der Simplicissimus-Verleger Albert Langen und die Simplicissimus-Wirtin Kathi Kobus, sodann die Fotografin und Feministin Sophia Goudstikker, Gründerin des Ateliers Elvira, an ihrer Seite Hermann Obrist, der Begründer des Münchner Jugendstils, dahinter der erblindete Eduard von Keyserling, gestützt auf seine beiden noch vor ihm verstorbenen Schwestern Henriette und Elise, denen er auch seine feingesponnenen Romane und Erzählungen diktierte, sodann Gabriele Münter, Franz Marc und Oskar Panizza, die extra aus Murnau, Kochel und Bayreuth angereist sind, weiterhin die beiden Franze, von Lenbach und von Stuck, Liesl Karlstadt und Oskar Maria Graf, Gabriel von Max und Paul Heyse, Annette Kolb und Erich Kästner, Rainer Werner Fassbinder und Michael Ende, Oda Schaefer und Gisela Elsner, nicht zu vergessen die beiden Helmuts, Dietl und Fischer, und ein wenig abgehängt hinterher hinkend Albrecht Freiherr von Schrenck-Notzing, der vergessene Begründer der Psychotherapie, der zugleich ein obsessiver Anhänger des Spiritismus war. Sollten die Raunächte ungewöhnlich kalt und der Kleinhesseloher See zugefroren sein, geht es zum Abschluss aufs Eis statt aufs Wasser, und man kann der munteren Schar beim Schlittschuhlaufen zusehen (oder, besser noch, mitfahren). Nur die Gräfin fehlt, sie hat Schwabing schon zu Lebzeiten den Rücken gekehrt und Ascona, die Schwabinger Sommerfrische im Tessin, zu ihrem ganzjährigen Ruhesitz gemacht.

Silvester sind dann alle wieder in ihren letzten Ruhestätten und auch die Neuschwabinger kehren aus Othmarschen, Grunewald, Meerbusch oder Bad Homburg auf der Höhe zurück und feuern ihre ökologischen Raketen ab, die sie rechtzeitig in Tschechien oder Polen bestellt haben.

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