»Umlaufbahnen« von Samantha Harvey

Es ist nun fast 250 Jahre her, da hat Goethe, Anfang dreißig, in einem Brief an Charlotte von Stein von seiner Absicht gesprochen, einen »großen Roman« über die Erde zu schreiben. Ein Jahr später heißt das Projekt dann »Roman über das Weltall«, und dabei ist es geblieben. Obwohl ihn die Idee zeitlebens gefesselt hat, ist Goethe über Fragmente nicht hinausgelangt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil er keine Klarheit darüber gewann, aus welcher Perspektive ein solcher Roman zu schreiben sei. Musste man dafür nicht die Erde verlassen und sie von außen, gewissermaßen aus göttlicher Sicht betrachten? Erst dann, vom Weltall aus, würde sie sich in ihrem Gesamteindruck erschließen. Ein Vorhaben, das seinerzeit undenkbar war.

Seit der bemannten Raumfahrt ist es das nicht mehr. Wir alle kennen die Bilder vom »Blauen Planeten«, die seit dem 24. Dezember 1968 kursieren, als die Besatzung von Apollo 8 Bilder vom Aufgang des Erdballs über dem Mond zur Erde sandte und dazu die Schöpfungsgeschichte verlas. Die Astronauten waren gestartet, um den Mond zu erkunden, und entdeckten die Erde als Ausnahme im Universum, mit beträchtlichen Folgen für das menschliche Selbstverständnis.

Seit gut zwanzig Jahren nun rast die Internationale Raumstation, kurz ISS, in einer Höhe von gut 400 Kilometern um die Erde; alle 90 Minuten umrundet sie den Erdball, 16-mal am Tag. Inzwischen ist sie so groß wie ein Fußballfeld und bietet gleichzeitig sechs Menschen aus den beteiligen Regionen – USA, Russland, Europa. Kanada und Japan – Platz zum Leben und Arbeiten in der Schwerelosigkeit. Von der ISS aus sieht man die Erde zwar nicht in ihrer Gesamtheit, aber Abstand und Tempo sind groß genug, um einen Totaleindruck unseres Planeten zu erhalten.

Hier oben spielt Samantha Harveys Roman „Umlaufbahnen“, der 2024 den Booker-Prize gewonnen hat. In den 16 Umlaufbahnen eines Tages zeigt er uns vom Erwachen bis in die Träume hinein den All-Tag von sechs Menschen, »Erdlingen«, wie Goethe uns nannte, die – angesichts der Weite des Universums und zugleich der Enge des zur Verfügung stehenden Raums – leben, arbeiten, essen, feiern, schlafen, miteinander reden, dann wieder ihren Gedanken nachhängen. Die Herausforderungen beginnen bei der Tageseinteilung, wenn binnen 24 Stunden 16-mal die Sonne auf- und untergeht. Und sie hören nicht auf angesichts des Muskelschwundes unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit: Volle zwei Stunden pro Tag ist hartes Training – Gewichte stemmen, Tret- oder Laufrad, kurz Unterwerfung unter die Schwerkraft – angesagt, um nicht bei der Rückkehr auf den Erdboden wie ein Papierkranich zusammenzuklappen.

Bei allem Fokus auf die Sechs und ihre individuellen, äußerst einfühlsam erzählten Geschichten – Hauptfigur von »Umlaufbahnen« ist die Erde, der Planet, von dem sie kommen, zu dem sie zurückkehren werden und den sie im Moment mit 23-facher Schallgeschwindigkeit umkreisen und dabei bestaunen. Und das, was über ihn in diesem schmalen, gerade einmal 200 Seiten starken Buch gesagt wird, steckt voller Wissen und Poesie, ist in einer Sprache geschrieben, die zurecht weltweit gerühmt wurde. Wohl ohne von ihrem Vorläufer zu wissen, löst Harvey ein Vierteljahrtausend später ein, was Goethe 1780 plante, aber aus guten Gründen versagt blieb: ein Roman über die Erde zu schreiben, der unseren Heimatplaneten aus der nötigen Distanz – weit oberhalb der sie umhüllenden, Leben ermöglichenden Atmosphäre – und doch noch aus Blicknähe beschreibt.

Dabei gelingen der Autorin wundervolle Passagen. Die Sterne seien unergründlich, lässt sie Shaun, einen der sechs Besatzungsmitglieder sinnieren, aber die Erde lasse sich kennenlernen wie ein anderer Mensch, so wie er seine Frau ganz gründlich und zielstrebig kennengelernt habe. Von ihrer Schönheit, ihrer klingenden, singenden Leichtigkeit ist die Rede. Und davon, dass sie zu atmen scheine, »ein ganz eigenes Lebewesen«. Er denke sich die Erde gleichnisweise »als ein großes lebendiges Wesen, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist«, hat schon der alte Goethe 1827 zu Johann Peter Eckermann gemeint. Die Lektüre dieses wunderbar leichten, wunderbar gedankenvollen Buches lässt uns verstehen, was er damit sagen wollte.

 

Samantha Harvey

Umlaufbahnen

Roman

Aus dem Englischen von Julia Wolf

Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024

dtv

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