Der Roman »Mrs Dalloway«, dessen Erscheinen sich im Mai dieses Jahres zum hundertsten Mal jährt, ist vieles: Virginia Woolfs bestes Buch, ein Meilenstein der modernen Literatur, ein rasant erzähltes, vielstimmiges Panorama einer unsicheren Welt, eine kritische Gesellschaftskomödie, ein großer London-Roman, der die Atmosphäre der Großstadt in sinnlicher Prosa einfängt, ein literarisches Plädoyer gegen Komplexitätsreduktion. Er ist aber auch eine Meditation darüber, ob Partys einen Sinn haben oder nicht. Zwar mag es naheliegen, in politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten wie der unseren diese Frage nicht gerade für lebensentscheidend zu halten. Virginia Woolf war da anderer Meinung.

Woolfs Roman setzt damit ein, dass wir die 52-jährige Clarissa Dalloway, eine Dame der Londoner Oberschicht, auf ihrem morgendlichen Gang durch die Stadt begleiten, den sie unternimmt, um Blumen für ihre am Abend stattfindende Party zu besorgen. Und er endet mit der Schilderung dieser Party selbst, die gut ein Fünftel des Romans ausmacht. Allein das schon sollte uns stutzig machen, wenn wir vor lauter Ehrfurcht vor dieser Ikone der modernen Literatur, vor der in der Tat bis heute staunenswerten Erzählweise und vor den großen Fragen, die ansonsten noch verhandelt werden, die Sache mit der Party aus den Augen verlieren. Dabei erinnert die Titelheldin, in mancher Hinsicht ein Sprachrohr der Autorin, uns ständig daran. »Denk an die Party! Denk an die Party heute Abend«, ruft sie jeder und jedem zu, der ihr im Laufe des Tages über den Weg läuft, und meint damit natürlich auch uns, die Leserinnen und Lesern: »Denkt an die Party!«

Akribisch verzeichnet der Roman, was die Menschen um Clarissa herum von ihrer Party, überhaupt von ihrer unwahrscheinlichen Lust auf Partys halten. Ihr Gatte, ein Politiker und schon damals ein Mann alter Schule, und ihr alter Liebhaber Peter Walsh, gegen den Clarissa sich einst für Richard Dalloway entschieden hat, sind sich zumindest darin einig, dass beide Männer so ihre Vorbehalte gegen Partys und zumal Clarissas Party-Passion haben. Peter denkt, dass sie drauf erpicht ist, sich wichtig zu machen; dass sie gerne berühmte Leute um sich schart, kurzum, dass sie ein Snob ist. Ihr Ehemann dagegen hält es einfach für töricht, die Aufregung zu suchen, wo seine Frau doch seit ihrer schweren Grippe-Erkrankung Herzprobleme hat, kurzum, er hält sie – wie eigentlich alle Frauen – für kindisch.

Und dann ist da noch Miss Kilman. Auch sie ist gegen Partys, kann sich partout nicht vorstellen, zu einer hinzugehen. Sie unterrichtet die Tochter der Dalloways in Geschichte. Besorgt hat ihr den Job Mr Dalloway, nachdem sie aus der letzten Anstellung wegen der Deutschstämmigkeit ihrer Familie entlassen worden war. Miss Kilman verachtet Mrs Dalloway – da mischen sich sozialkritische, auch feministische Impulse mit religiösen: sie ist Quäkerin. Vor allem aber hat ihre Abneigung gegen Partys mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun. »Warum sollte man mich einladen?«, fragt sie. »Ich bin hässlich, ich bin unglücklich!«. Und den Grund dafür sucht sie nicht bei sich selbst, sondern bei den anderen und den Umständen.

Wie Woolfs Roman uns nahebringt, reichen die Gründe, die gegen Partys sprechen, aber tiefer noch als die Gefühle und Sozialcharaktere einiger Menschen im Umkreis der Gastgeberin. Sie haben mit der Zeit zu tun, in der der Roman spielt. Der Erste Weltkrieg mit seinen Millionen Toten ist 1923 noch nicht lange her, und vor allem sind die Kriegsfolgen, etwa in Form posttraumatischer Belastungsstörungen, im Bekanntenkreis wie auch im Straßenbild sichtbar. Die vielleicht großartigste Figur des Romans, der psychisch kranke Septimus Warren-Smith, den sein Psychiater wegsperren will, statt ihm einmal zuzuhören, begeht an dem Tag, an dem »Mrs Dalloway« spielt, Suizid, und sein Fall wird zum Partygespräch, nicht zuletzt deshalb, weil sein Psychiater zu den Gästen gehört. »Oh, dachte Clarissa, inmitten meiner Party ist da der Tod, dachte sie.«

So ist es, in der Tat. Und das hat nicht nur mit dem Krieg und seinen Folgen zu tun. Auch die  Spanische Grippe, eine Pandemie, die von 1918 bis 1920 wütete, ist an dem Junitag des Jahres 1923, als der Roman spielt, und an dem Maitag des Jahres 1925, als er erscheint, noch nicht lange her. Die Zahl ihrer Todesopfer übertraf mit 50, wenn nicht sogar 100 Millionen sogar noch die des Großen Krieges um das Drei- bis Fünffache, je nach Schätzung. Mutmaßlich gehört auch Clarissa Dalloway, die das Strahlende schon superlativisch in ihrem Vornamen mit sich führt, zum Kreis ihrer Opfer, wenn auch als Überlebende. Aber die Krankheit hat ihr Herz angegriffen – was auch bei Virginia Woolf selbst der Fall war –, und wir erfahren schon bald zu Anfang, dass seit ihrer Erkrankung ihr Haar »sehr weiß« geworden ist. »Sie hatte immer das Gefühl, es sei sehr, sehr gefährlich war, auch nur einen Tag lang zu leben«, heißt es.

So steigern die Glocken von Big Ben, die das Romangeschehen rhythmisieren, nicht nur die Spannung bis zum Beginn der mit jeder Stunde näher rückenden Party, sondern zählen auch die ablaufende Zeit herunter. Letztlich ist es das, was für Clarissa Dalloway Partys so unwiderstehlich macht: sie sind ein Bild für das Leben, für das pulsierende, Menschen in Verbindung bringende, dem Tod trotzende Leben. Sie sind, wie die Gastgeberin zu sich selbst sagt, eine Gabe, ein Angebot, zu verbinden, etwas zu erschaffen. Eine Gabe, die die oder der Gebende nur bedingt unter Kontrolle hat und die die anderen braucht, um das zu schenken, worum es geht: Lebendigkeit und Lebensfreude. Und die so dem Unerwarteten, dem Unberechenbaren Raum gibt. So gehören die beiden wichtigsten Gäste von Clarissas Party gar nicht zu den geladenen Gästen; sie kommen unerwartet (Peter) und unangekündigt (Sally, Clarissas große Liebe).

Mit Partys, auch das macht »Mrs Dalloway« deutlich, ziehen wir eine Art Zwischenbilanz. Sie machen uns unmissverständlich klar, wo wir stehen im Leben.

Virginia Woolf liebte Partys. Noch mehr aber liebte sie das Schreiben. Der französische Romancier Flaubert hat gemeint, die einzige Art, das Dasein zu ertragen, bestehe darin, sich an der Literatur wie an einer großen Orgie zu berauschen. Nein, sagt Virginia Woolf. Schreiben gleicht nicht einer Orgie, sondern einer gut organisierten und gerade deshalb das Unerwartete und Unberechenbare möglich machenden Party. The Party of Life.

Dies ist der erste eine Reihe von Beiträgen zum 100. Geburtstag von »Mrs Dalloway«.

Ich zitiere »Mrs Dalloway« nach der m.E. besten deutschen Übersetzung, der von Melanie Walz, erschienen 2022 im Manesse Verlag.

Der Strauhof, Zürichs großartiges Literaturmuseum, bereitet eine Ausstellung »Virginia Woolf und Mrs Dalloway“ vor, kuratiert von Elisabeth Bronfen. Geöffnet ab 7.2.2025, Vernissage am 6.2. um 18 Uhr.

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