Kennen Sie diese Erfahrung auch? Da hat ein schreibender Mensch ein dringliches Anliegen, die inflationäre Ich-Sagerei aber begräbt es unter Halden von Erlebnisprosa, bis es nicht mehr greifbar ist. Deshalb schlägt der hier schreibende Kolumnist vor, es doch mal unter Vermeidung des Wörtchens »ich« zu versuchen und statt auf Originalität auf Zeitgenossenschaft zu setzen. Am besten auch gleich im gelebten Leben selbst.

Ein Original will kaum jemand sein, originell aber fast jede und jeder von uns. Als »Original« gilt jemand, der durch absonderliches, bizarres oder einfach kauziges Auftreten von der Allgemeinheit abweicht. Ein »origineller Kopf« dagegen sticht durch Einfallsreichtum und Spritzigkeit, vor allem aber dadurch aus der Menge heraus, dass die betreffende Person eigenständig ist, im Denken wie im Handeln.

Doch was ist, wenn dieser Anspruch, originell zu sein, sich bei näherem Hinsehen als liebgewonnener Irrtum herausstellt? Eltern etwa machen die Erfahrung, dass der wohlüberlegte, »originelle« Name, den sie ihrem Kind gegeben haben, sich als durchaus geläufig erweist, sie also keineswegs die Einzigen waren, die auf diesen Einfall gekommen sind, im Gegenteil, die Wahl des Namens geradezu in der Luft gelegen haben muss. Oder Sie schreiben ein Buch und sind der Überzeugung, ein besonders originelles, einzigartiges Thema gefunden zu haben. Schon im Schreibprozess, spätestens aber bei Veröffentlichung müssen Sie feststellen, dass auch andere dieselbe, sich von Ihrer kaum unterscheidbare Idee hatten. Einfach Pech? Oder Beweis dafür, dass Sie keineswegs das Originalgenie sind, als das Sie sich zu träumen wagten, ja, vielleicht noch nicht einmal ein eigenständiger, individueller Kopf? Anlass also zu Verbitterung? Oder doch mehr bzw. etwas anderes?

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, inzwischen Literaturnobelpreisträgerin, hat 2008 mit »Die Jahre« das Kunststück fertiggebracht, ein autobiographisches Buch zu veröffentlichen, in dem kein einziges Mal das Wort »ich« vorkommt. Wenn, dann spricht sie von sich als »sie«, also in der dritten Person, oder sie sagt einfach »on«, das französische Wort für unser deutsches »man« und lässt die Ereignisse selbst sprechen. Das liest sich dann etwa so: »Von allen neuen Dingen war das ›Mobiltelefon‹ das erstaunlichste, das erschütterndste. Man hätte nie gedacht, dass man einmal mit einem Telefon in der Tasche herumlaufen würde, mit dem man jederzeit und von jedem Ort aus irgendwen anrufen konnte. Man fand es befremdlich, wenn Leute auf der Straße mit dem Telefon am Ohr Selbstgespräche führten. Dann klingelte es zum ersten Mal in der eigenen Tasche, als man gerade im Zug saß oder an der Supermarktkasse stand, und man zuckte zusammen …«

Sie erinnern sich? Originell oder individuell? Wohl kaum. Dennoch Teil jeder Biografie der zwischen 1910 und 1975 Geborenen, sofern sie damals noch lebten. Es könnte sein, dass jedes Leben viel mehr »unpersönliche«, unoriginelle Elemente enthält, als wir glauben. Dass der Anteil des Kollektiven am Individuellen viel größer ist, als wir es uns vielleicht wünschen. Ja, dass um zu den Tiefenschichten der individuellen Erfahrung vorzudringen, man geradezu von jenen Dimensionen handeln muss, die C.G.Jung »das kollektive Unbewusste« genannt hat. Anders jedoch, als er annahm, besteht es nicht aus dem Stoff von Märchen und Mythen, sondern aus den »faits sociaux«, den sozialen Gegebenheiten. Jedenfalls könnte es zu unerwarteten Erkenntnisgewinnen führen, wenn das Verfassen nicht nur von Erinnerungen zukünftig von dem Tabu begleitet wäre, das Wörtchen »ich« zu verwenden.

Die Linguistik hat uns gelehrt, dass »ich« ein shifter ist, ein variables Element, mit dem die sprechende Person sich selbst bezeichnet. Nicht nur muss dieses Ich-Sagen von jedem Kleinkind erlernt werden, am Anfang ist auch gar kein Ich. Am Anfang spricht das Menschenkind von sich selbst in der dritten Person, wie Annie Ernaux es in ihrer »unpersönlichen Autobiographie« hält. Statt, wie ansonsten üblich, die Besonderheit und Eigenständigkeit, die Originalität des eigenen Werdegangs zu betonen, tritt bei ihr die Erzählstimme gänzlich hinter das Zeitgeschehen und den mit ihm verbundenen Wandel der Mentalitäten und Glaubenssätze, der Ideen und Gefühle zurück.

Dabei tritt etwas anderes in den Vordergrund, das mindestens genauso spannend und sinnerfüllend ist wie der häufig nicht einlösbare Anspruch auf Originalität, auf jeden Fall realitätsnäher: Zeitgenossenschaft. Und damit ist nicht etwa das betriebsblinde, unreflektierte Aufgehen in den Zeitläuften gemeint. Zwar ist Zeitgenossenschaft ohne Nähe zu der Zeit, in der man lebt, verbunden mit der Bereitschaft, sie an sich heranzulassen, sich in ihr zu verorten, nicht möglich. Zugleich aber ist sie stets mit Aufmerksamkeit und Wachheit verbunden. Zeitgenossenschaft ist etwas anderes, als in Passivität zu verharren. Sie ist eine Aktivität, erfordert eine Haltung und das Suchen nach Formen, um sich in ihr auszudrücken. Das, und nicht der Anspruch von Originalität, dürfte auch das Zeichen wahrer Eigenständigkeit sein.

Heinrich Hoerle (1895–1936), Zeitgenossen. Wachsfarben auf Pappe und Sperrholz, 1931/32. Kölnisches Stadtmuseum. Auf dem Bild von links nach rechts: Sänger Willi Ostermann, Oberbürgermeister Konrad Adenauer, Soubrette Trude Alex, Boxer Hein Domgörgen, der Künstler Heinrich Hoerle selbst.

Kein Geringerer als Goethes Faust hat das Verhältnis von Ich und Zeitgeist auf eine Formel gebracht, die dann auch gleich Eingang in den bildungsbürgerlichen Zitatenschatz fand: »Was ihr den Geist der Zeiten heißt, / Das ist im Grund der Herren eigner Geist, / In dem die Zeiten sich bespiegeln. / Da ist’s dann wahrlich oft ein Jammer!«, sagt er nächtens zu seinem Famulus Wagner. Das ist das Originalitätsselbstmissverständnis in Reinform, auch noch exklusiv auf die Herren der Schöpfung gemünzt – ein Zusammenhang, der wohl nicht von ungefähr kommt. Doch erst umgekehrt wird ein Schuh daraus, mit dem sich womöglich auch mit weniger Gejammer durch die Zeiten laufen lässt: Der Herren eigner Geist, das ist im Grund der Geist der Zeiten, in dem sie sich bespiegeln. Ihn zu fassen kriegt aber nur, wer sich auf Zeitgenossenschaft versteht.

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