Es ist kein Sonntag wie jeder andere. Nicht nur, dass es außergewöhnlich warm ist für November. Kathleen, seit neun Jahren mit Virgil Beckett verheiratet und Mutter von zwei Kindern (mit einem dritten ist sie, wie wir später erfahren, schwanger), hat an diesem besonderen Tag auch den roten Badeanzug aus Collegetagen hervorgekramt und sich gleich morgens an den ansonsten verwaisten Pool der einigermaßen deprimierenden Wohnanlage begeben, in dem die Familie seit einem halben Jahr lebt. Und ist von dort den lieben langen Tag nicht mehr wegzubewegen – aller Bitten und Überzeugungsversuche ihres Mannes zum Trotz. Der, ein nicht gerade erfolgreicher und auch nicht besonders ehrgeiziger Versicherungsvertreter, erlebt das vordergründig als eine der »Anwandlungen«, für die Frauen, auch nach Ansicht seiner Kollegen, nun einmal bekannt sind, und ahnt doch, dass mehr dahintersteckt.

Jessica Anthony hat mit »Es geht mir gut« einen Roman geschrieben, der in mancher Hinsicht der den gesamten schönen Sonntag im Pool planschenden Ehefrau ähnelt. Vordergründig handelt es sich um eine im Jahr 1957 spielende Ehe-, Familien- und Suburbia-Geschichte, wie wir sie beinahe bis zum Überdruss aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur von John Cheever, Richard Yates und John Updike, später Jonathan Franzen und Tom Perrotta kennen. Doch es steckt mehr dahinter, und man muss nur wenige Seiten von Jessica Anthony gelesen haben, um das zu ahnen, und am Ende, nach kaum 160 Seiten, ist aus der Ahnung Wissen und Erkenntnis geworden.

Jessica Anthony ist eine amerikanische Jane Austen
des 21. Jahrhunderts.

Neben ihrer Tätigkeit als Autorin hat Jessica Anthony in zahlreichen Berufen gearbeitet, u.a. als Metzgerin in Sitka, Alaska, als Masseurin ohne Lizenz im polnischen Rytro oder als Sekretärin in San Francisco. Während der Arbeit an »The Most« war sie als Artist in Residence Brückenwächterin der Maria-Valeria-Brücke über die Donau, die die ungarische Stadt Esztergom mit der slowakischen Stadt Štúrovo verbindet und seit ihrer Eröffnung im Jahr 1895 bereits zweimal zerstört wurde. »Es geht mir gut« ist ihr vierter Roman und der erste, der in deutscher Übersetzung erscheint.

Kathleen Lovelace Beckett ist vor der Ehe auf dem College zweifache Tennismeisterin gewesen, ihr Bild hängt sogar in der Memorial Library als eine von vier »bemerkenswerten« Absolventinnen. Das Spielen beigebracht hat ihr Billy Blasko, ein Student, der aus einer jüdischen Familie im Süden der damaligen Tschechoslowakei stammt und mit dem sie dann auch eine Liebesbeziehung eingeht. Als Krönung seiner Künste lehrt er Kathleen einen Schlag, den er den »Most« nennt, was auf Tschechisch »Brücke« bedeute. Und eine Brücke, so seine Worte, sei nicht nur eine Überführung, sondern auch eine Falle. (»The Most« lautet dann auch der Originaltitel des Buches, kaum übersetzbar, aber so viel interessanter als das lapidare »Es geht mir gut«.)

Der Schlag bedarf einer präzisen Vorbereitung. Sie besteht darin, dass man den Gegner mit immer kürzeren Bällen immer näher ans Netz und damit in die Falle lockt.  »Wir sind auf der Brücke«, ruft er Kathleen zu, als er ihr den »Most« das erste Mal demonstriert. Nun folgt ein Volley, den sie kaum noch abwehren kann, woraufhin Billy den Ball scharf anschneidet und an ihr vorbei ins rechte Eck donnert.

Kathleen hat mit ihrer Heirat die Tenniskarriere an den Nagel gehängt, so wie das Frauen in den Fünfzigerjahren machten. Die Most-Taktik aber hat sie sich gemerkt. Und wendet sie an dem warmen Novembersonntag gegenüber ihrem Mann an, von dem sie ahnt, dass er sie immer wieder betrügt. Vor allem aber träumt sie – wie letztlich auch Virgil – von einem anderen, freieren, mehr den eigenen Wünschen folgenden Leben. Was für Kathleen der Dunlop Gold Wing ist, den sie einst zu ihrem Geburtstag bekommen hat, ist für ihn ein Saxophon, so wie es Charlie Parker spielt, ohne dass er jemals eines besessen, geschweige denn darauf gespielt hätte. Nun aber erhält er völlig unerwartet eines von seiner heimlichen Geliebten zum Geschenk …

Jessica Anthonys Buch folgt einer raffinierten Konstruktion, ohne in irgendeiner Weise konstruiert zu wirken. Auf dem Cover steht zwar »Roman«, in Wirklichkeit aber handelt es sich um eine Novelle. Nicht nur der mittleren Länge wegen und weil ein singuläres Ereignis erzählt wird, das um einen Konflikt zwischen Ordnung und Chaos kreist. Es gibt auch das novellentypische Leitmotiv, in diesem Fall die Hündin Laika, von der dieser Tage nahezu jeder redet, weil sie in der sowjetischen Raumkapsel Sputnik um die Erde kreist und einen qualvollen Tod an Überhitzung stirbt. Doch auch das ist ein Spiel mit dem Leser. Elend und Scheitern, Generalbass der amerikanischen Vorstadtromane, müssen in der Ehe nicht sein. Kathleen lockt ihren Mann an den Pool, weil sie von ihm die Wahrheit erfahren will, um ihm dann auch endlich ihre Wahrheit sagen zu können. »Als sie an diesem Morgen aufgestanden war, hatte sie nicht gewusst, dass es heute so weit sein würde, aber so war es.« Wahrhaftigkeit, so die Botschaft dieses kurzen Buches mit dem Zeug zum Klassiker, rückhaltlose Wahrhaftigkeit kann das Scheitern abwenden. Dann muss keine(r) zum vernichtenden Schlag ausholen. Das Problem der Ehe ist nicht, den oder die Richtige zu finden, sondern wahrhaftig zu bleiben. Jessica Anthony ist eine amerikanische Jane Austen des 21. Jahrhunderts.

Jessica Anthony
Es geht mir gut
Roman
Aus dem Englischen von
Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck
160 Seiten, 23 €
Kein&Aber

Beitragsbild von Irina Biatturi

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