Was passiert, wenn ein Super-Popstar und eine Literaturnobelpreisträgerin über einen Roman reden? Heißt der Star Dua Lipa und die Schriftstellerin Olga Tokarczuk, dann erfahren wir etwas über die Wirklichkeit und die Wirkung der Literatur – über ihre Kraft, unser Leben zu deuten und zu verändern.

Gleich einen ganzen Stapel von Büchern habe ihr Joe, ein Freund und Mitarbeiter des unabhängigen Londoner Verlagshauses Fitzcarraldo, in die Hand gedrückt, erzählt Popsuperstar Dua Lipa auf ihrem Internet-Buchclub Service 95. Doch als ihr Blick dann auf diesen Titel gefallen sei, habe sie sofort fasziniert nach dem Buch gegriffen. »What could this be about?«

»Drive your Plow over the Bones of the Dead« ist ein Roman der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk, zuerst erschienen im Jahr 2009. Ins Englische übersetzt werden brauchte sein Titel nicht; handelt es sich doch um einen berühmten Vers des in England bis heute verehrten Romantikers William Blake. Deutsche Leserinnen und Leser allerdings werden nach »Ziehe deinen Pflug über die Gebeine der Toten« vergeblich suchen. Hier hat man sich entschieden, das Buch ziemlich mutlos »Gesang der Fledermäuse« zu nennen. Der kommt zwar ebenfalls vor im Roman; die Fügung hat aber längst nicht die biblische Wucht des Originaltitels. Und noch nicht einmal den Vorteil, genauer als das Zitat aus Blakes »Sprichwörter der Hölle«  zu bezeichnen, worum es geht.

Es sei »sooo« ein Problem mit dem Titel gewesen, meint denn auch Olga Tokarczuk, als sie zu Gast in Duas Buchclub ist: Stets hätten die Verleger ihr prophezeit, es sei unmöglich, ein Buch mit einem solchen Titel zu verkaufen – und lacht. Dua Lipa hingegen, Ende 20 und bestens bewandert im »Dark Pop«, hat sich von der Düsternis des Blake-Verses nicht abschrecken lassen, im Gegenteil. Sie liebt das Buch und seinen Titel, die skurrile, teils beklemmende, teil komödiantische Geschichte, die es erzählt, und sie liebt vor allem Janina Duszejko, die Heldin und Ich-Erzählerin des Buches. Janina, eine exzentrische Frau in den Sechzigern, lebt zurückgezogen in einem abgelegenen polnischen Dorf nahe der tschechischen Grenze und berichtet von den Ereignissen rund um das Verschwinden ihrer beiden Hunde. Sie glaubt an die Sterne und liebt die Poesie von William Blake. Den Dorfbewohnern gilt sie als verschroben, viele halten sie sogar für verrückt, nicht zuletzt, weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot – großartig die Namensgebung in diesem Buch – ist grausam am Knochen eines Rehs erstickt, das er gewildert hat. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Wie rasch zu erkennen ist, haben die Toten einige Gemeinsamkeiten: Es sind allesamt ältere Männer, die der Jagdleidenschaft frönen, und in unmittelbarer Nähe der Orte, an denen ihre Leichen gefunden werden, treten gehäuft Tierspuren auf. Für Janina ist klar: Die Täter sind die von den Menschen grausam misshandelten Tiere, die sich an ihnen rächen. »Manchmal können wir etwas nicht verstehen. Aber wir fühlen es ganz genau«, meint Janina. Doch die Polizei ignoriert ihre Hinweise vollständig …

Dua Lipas erste Single »New Love« erschien 2015; mittlerweile ist sie auf dem besten Wege, in die Liga von Taylor Swift oder Adele vorzustoßen, füllt ganze Stadien und hat 100 Millionen Fans in Social Media. (Und heißt tatsächlich so; Dua Lipa hat weiterhin die albanische Staatsbürgerschaft.) Den Kultur- und Lifestyle-Blog »Service 95« hat sie 2021 gegründet; ein Jahr später kam ein Buchclub dazu. Einmal im Monat führt hier eine junge Frau knapp unter 30, deren unprätentiöses Auftreten mit ihrer Bühnenpersona samt deren gewagten Outfits und akrobatischen Dancemoves kaum etwas zu tun haben scheint, ein halbstündiges digitales Gespräch mit einer Schriftstellerin bzw. einem Schriftsteller über ein Buch ihrer Wahl – George Saunders und Khaled Hosseini waren schon darunter, Patti Smith und Chimamanda Ngozie Adichie, Ocean Vuong und Tomasz Jedrowski – und vor einem Monat eben Olga Tokarczuk. Es ist das am häufigsten angeklickte Gespräch der ganzen Serie.

Und es ist in der Tat ein berührendes, ein so persönliches wie offenes Gespräch. Olga Tokarczuk, bekannt für ihre Freundlichkeit und Freimütigkeit, schildert in berührenden Worten, wie schwer es ihr gefallen sei, so schmerzliche Dinge wie das Töten von Tieren zu beschreiben. Weder habe sie Schwarzmalerei betreiben noch einen didaktischen Roman verfassen wollen – beides würde ja eh nur die Abwehrmechanismen verstärken, mit denen wir alle so perfekt ausblenden, was wir den Tieren antun. Und um deutlich zu machen, wie sehr die Thematik sie mitgenommen und unter welchem Druck sie den Roman geschrieben hat, erzählt Olga Tokarczuk, wie es ihr ergangen sei, nachdem sie den letzten Satz über die »arme Janina« niederschrieben habe: sie sei auf den Balkon ihrer Wohnung getreten, doch nicht nur, um wie gewöhnlich eine zu rauchen, sondern sie habe geschrien, minutenlang geschrien, ihre ganze Trauer und ihren Zorn herausgeschrien.

Dua Lipa sagt nicht, dass wir, die wir das Buch lesen, diesen beim Schreiben unterdrückten Schrei noch immer in vielen Passagen vernehmen können. Sie sagt vielmehr, in keinem Roman sei ihr bislang ein solcher Charakter begegnet wie Janina, so besonders, so anarchisch, eigensinnig, so willensstark, kurz »such a one-off«, ein Unikat. Woher, so fragt sie Janinas Schöpferin, kommt diese Figur?

Neben unserem mörderischen Umgang mit den Tieren hat Tokarczuks Roman noch ein zweites Thema: Altersdiskriminierung. Und beide stehen miteinander in Wechselbeziehung: Denn die Radikalität und Unnachgiebigkeit, mit denen Janina gegen das Leid der Tiere und für ihren Schutz eintritt, macht sie in den Augen der männlichen Machtelite des Dorfes und der Behörden nur noch stärker zu dem, wofür man sie sowieso schon hält: eine verschrobene Alte, die nicht ganz klar im Oberstübchen ist und zunehmend lästig fällt. Und auch für Janina ist beides, die Arroganz, mit der man ihr begegnet, und die Ignoranz, mit der man ihr Anliegen abtut, Ausdruck ein und derselben Respektlosigkeit, die eine korrupte, patriarchalische Gesellschaft den Schwachen gegenüber an den Tag legt, ganz einfach, weil ihre Repräsentanten es können und niemand sie in die Schranken weist. Mangel an Respekt, verbunden mit Ohnmachtserfahrung, aber erweckt Zorn, so auch bei Janina. »Er befiel mich irgendwo innen drin, schlagartig und heiß, und drängte nach draußen«, schreibt sie.

Janina verkörpere eine Nicht-überreinstimmung mit der Welt, wie sie ist, sagt Olga Tokarczuk. Janina ist couragiert und in der Lage, gegen den Strom zu schwimmen. Sie ist eine Bürgerin und glaubt an das Gesetz und den Staat, aber wenn sich das Gesetz als unmoralisch erweist und den schwächsten Geschöpfen schadet, dann ist sie eben auch in der Lage, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Während sie an dem Buch schrieb, habe sie oft daran denken müssen, dass es einen großen Nachholbedarf an solchen Heldinnen in der Literatur gebe. Es scheine ihr, als ob die alten Menschen keine Stimme hätten und einfach irgendwie verschwänden, insbesondere die Frauen. Und sie erzählt, dass es vor einigen Jahren einen großen Protest gegen Abholzungen im Białowieża-Urwald an der polnisch-belarussischen Grenze gegeben habe. Und auf einem der Transparente stand: »Janina Duszejko wird euch das nicht verzeihen«.

Janina, so sagt Olaga Tokarczuk, ist eine Version von uns, wenn wir alt sind. Und die viel jüngere Dua Lipa gibt ihr recht: Ja, irgendwann in unserem Leben sind wir alle so.

Blättert man – das Gespräch der beiden Frauen noch im Ohr – erneut die Rezensionen des Buches im Feuilleton durch, so stellt sich, gelinde gesagt, Enttäuschung ein: Wenig, eigentlich nichts von dem, worüber Dua Lipa und Olga Tokarczuk so anschaulich und engagiert reden, kommt da vor: nicht die Anarchie und Brisanz der weiblichen Hauptfigur, kaum die Themen Tierschutz und Altersdiskriminierung. Und es entsteht der Eindruck: Wer heute Orte sucht, an denen Literatur lebendig wird, der sollte sich im Internet umschauen, auf Service 95 zum Beispiel.

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