»Du bist was ganz Besonderes, kleine Leni, was ganz Besonderes.« Der Erste, der diesen Satz zu ihr sagt, wird in diesem grandiosen Buch Strecker genannt – Strecker, wie die Muskeln, die zum Ausstrecken einzelner Körperglieder, etwa der Finger dienen, oder gleich wie der Folterknecht, der den Körper eines Menschen durch Ziehen an den Armen und Beinen gewaltsam auseinanderreckt. Das sind alles alte Bedeutungen, das ist aber hier auch eine alte Geschichte, die allerdings neu und sehr intim, dabei auch mit allen Raffinessen psychologischer Analyse erzählt wird – ansonsten würde man sie ja auch gar nicht aushalten, es ist schon so schlimm genug: Wie ein Mann ein Mädchen vergewaltigt, dem er als Nachhilfelehrer im Auftrag der Mutter das Schreiben mit dem Füllfederhalter beibringen soll und wie sich dabei seine Finger mit ihren teilweise langen Nägeln immer mehr von hinten nach ihrem Körper ausstrecken und bis zu den intimsten Stellen vordringen und wie Strecker schließlich auch in sie eindringt, wie sich sein Atem dabei immer heftiger anhört und der Schmerz für sie immer höllischer wird – bis er dann plötzlich von ihr ablässt und, gewissermaßen als Abspann, besagter Satz folgt: »Du bist was ganz Besonderes.«
Ein halbes Erwachsenenleben lang habe sie gebraucht, um diesen billigsten aller billigen Sätze zu verdauen, schreibt Helene Bracht in ihrem Buch »Das Lieben danach«, einer so eigenwilligen wie atemberaubenden Mischung aus literarischer Erzählung des eigenen Liebeslebens und dessen Analyse. Helene Bracht heißt eigentlich anders und ist ausgebildete Psychologin mit jahrzehntelanger Berufserfahrung – und beides, das Pseudonym wie die Professionalität, waren wohl auch die unabdingbaren Voraussetzungen dafür, dass sie nun, da sie die Siebzig erreicht hat und sich selbst jenseits der Umtriebigkeit des Begehrens sieht, dieses Buch so schreiben konnte, wie sie dies getan hat. Die »Achillesferse aller in ausbeuterischer Verführung missbrauchten Menschen« sei die »freiwillige Verpflichtung auf den Willen einer anderen Person«, weiß die Autorin, und auch, dass ein Köder wie der von Strecker ausgeworfene trotz seiner brachialen Abgeschmacktheit wieder und wieder funktioniert, wenn es darum geht, das Opfer der Begierde gefügig zu machen: ein »Evergreen der Verführungsfolklore«.
»Ich wünsche mir, dass mein Text all jenen etwas zu sagen hat, die über Intimität, Vertrauen, Schuld und Macht in der Begegnung zwischen Menschen nachdenken, seien sie alt oder jung, Frauen oder Männer – und alle jenseits und außerhalb. Es geht mir um eine recht elementare Dimension: Die Vulnerabilität, die in Beziehungen zwangsläufig entsteht, lässt sich aus meiner Sicht am besten erfassen, wenn man sich mit dem Missbrauch ihres Reichtums an Möglichkeiten befasst. Und dazu kann meine Geschichte vielleicht einen kleinen Beitrag leisten.«
Helene Bracht
Der zweite Mund, aus dem die Erzählerin diesen Satz hört, gehört dann einem Mittvierziger, Gymnasiallehrer, verheiratet, zwei halbwüchsige Kinder, bei dem sie ein Lehramtspraktikum absolviert. Sie erläutert ihm gerade ihre Unterrichtsplanung für den nächsten Tag, da schaut er sie versonnen an und sagt mitten in ihre Ausführungen hinein: »Du bist was ganz Besonderes, weißt du das?« Doch statt nun, da der Satz des Missbrauchs aus der Kindheit wiederkehrt, aufzubegehren, etwas Freches zu erwidern oder sich auch nur abzuwenden, passiert folgendes: »Tumult in meinem Körper. Jäher Schwindel, Dröhnen im Kopf. Glieder aus Watte. Ich taumelte in eine große Leere. Blackout. – Als ich wieder zu mir kam, saß ich auf seinem Schoß, und wir küssten uns hingebungsvoll.« So funktioniert es wohl, das Lieben danach, wenn eine traumatische Erfahrung an seinem Anfang steht, die abzuräumen nicht gelingt, gar nicht gelingen kann und deren Überwindung ungeheure Anstrengungen mit sich bringt, die sich dann häufig noch in dem Mechanismus der Opfer-Täter-Umkehrung verfangen. Ich kenne kein Buch, aus dem sich so viel lernen lässt über die Mechanismen des Begehrens, gerade auch des weiblichen Begehrens, sei es nun so stark trauma-gefangen wie in diesem speziellen Fall oder auch weniger trauma-belastet, wie wahrscheinlich in der Mehrzahl der Lebensläufe derjenigen, die dieses Buch lesen.
Und noch einmal taucht der Satz auf, ganz zum Schluss, an dem Ort, an dem das Buch geschrieben wird, einem – horribile dictu – gehobenen Touristik-Club auf den Kanaren. Was will die Autorin da? Sich amüsieren, Party machen zu neu abgemischten Hits aus den 1980er Jahren? Etwa zu »Sweet dreams are made of this« von den Eurythmics, dessen Zeile »Some of them want to abuse you« natürlich nicht fehlen darf in diesem Buch. Ja, Party hat sie gemacht später in ihrem Leben, ist eine Zeitlang, alle Hemmschwellen hinter sich lassend, als Frau, zum Teil mit Frauen, ins Lager der Übergriffigen gewechselt. Aber das ist vorbei. Nun nutzt sie das »überhitzte Treiben«, von dem sie sagt, dass es ihr nichts mehr bedeutet, als »Unsichtbarkeitsasyl«, aber doch auch als aufgeregte Hintergrundkulisse für ihr Schreiben. Wir dürfen uns das so vorstellen, dass Helene Bracht dieses so literarische, feinnervige, ungemein berührende Buch in ihrem Hotelzimmer mit Blick auf den Atlantik schreibt, während auf der Terrasse die Stimme des Animateurs »Ohne Spaß kein Fun« brüllt und im Zimmer nebenan ein älteres Paar geräuschvoll seinen zweiten Honeymoon erlebt. Doch selbst da passiert sie noch, die Heimsuchung, wie man mit Thomas Mann beinahe schon sagen möchte. Eines Abends setzt sich im Clubrestaurant eine fremde Person ungefragt an ihren Tisch, an dem sie sonst zumeist allein speist. »Du sitzt immer allein«, versucht die gar nicht unsympathische Frau mittleren Alters ein Gespräch zu beginnen, doch beißt sie bei unserer Autorin auf Granit, die wild entschlossen ist, ihre Splendid Isolation zu verteidigen. Als der Blick der Fremden weiterhin auf ihr ruht, beschließt sie zu gehen. Gerade will sie ihren Stuhl nach hinten schieben, da ist er wieder, der Satz, dieses Mal zum Vorwurf abgewandelt: »Du hältst dich für was ganz Besonderes, stimmt’s?«
Und Helene Bracht muss erleben, wie das Wiederauftauchen dieses Satzes aus der Kindheit ihre innere Ruhe immer noch zerstört, aber nun immerhin einen Fluchtimpuls auslöst. »Wie von tausend Teufeln gejagt«, rennt sie auf ihr Zimmer. Setzt sich an ihren Schreibplatz, mit Blick auf das heute bewegte Meer. Und beginnt, nach einem langen Augenblick, in dem sie um Fassung ringt, zu schreiben. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Im Schreiben, da ist sie zu Hause, endlich bei sich selbst, heimatlich bei sich.
Helene Bracht
Das Lieben danach
Gebunden mit Schutzumschlag
192 Seiten
Carl Hanser Verlag