Macht Lesen glücklich? Nicht unbedingt. Es kann auch ganz schön traurig, verzweifelt oder zornig machen – abhängig vom Lesestoff und vom Lesenden. Wenn Lesen aber schon nicht unbedingt glücklich macht – kann es dann vielleicht zum Gelingen unseres Lebens beitragen, dazu, dass ein Leben glückt? Das ist in der Tat die These oder sagen wir besser, der Generalbass meines neuen Buches, das in diesen Tagen im Elisabeth Sandmann Verlag erscheint.

Buchtitel sind häufig mehr Impulsgeber als Inhaltsangaben. Mit der Lektüre des jeweiligen Buches wird einem das dann klar, zuweilen sogar bei Romanen. »Anna Karenina« etwa – berühmtes Beispiel (unbedingt mal wiederlesen!) – handelt gar nicht oder jedenfalls nur zum Teil von einer Frau dieses Namens. »Anna Karenina« handelt in Wirklichkeit von zwei, manche sagen sogar von drei, wenn nicht vier Familien, die auf der Skala von glücklich bis unglücklich sehr verschiedene Positionen einnehmen. Hat man das Buch dann tatsächlich gelesen, fällt einem womöglich auf, dass es sehr viel reicher ist als der Frauenname im Titel nahelegt, und liebt es gerade deswegen. Hätte man aber nach ihm gegriffen, wenn es die »Die Wronskijs und die Ljewins« oder, sachlich noch richtiger, »Die Oblonskijs, die Wronskijs, die Karenins und die Ljewins. Ein Roman über Ehe, Liebe, Familie und Moral in der adligen Gesellschaft Russlands« geheißen hätte? Titel können zuweilen auch Köder sein.

So war es auch gemeint, als 2007 ein kleines Buch von mir erschien, das den Titel trug »Warum Lesen glücklich macht«. Es war schon damals einiges mehr, als sein Titel versprach. Etwa ein Buch darüber, dass Lesen menschheitsgeschichtlich womöglich sehr viel älter ist als das Schreiben, weil es seinen Ursprung in den nicht-sesshaften Tätigkeiten des Jagens und Sammelns hat. Und auch darüber, wie sich unsere Lesegewohnheiten in den letzten 250 Jahren verändert haben und dass Frauen dabei eine entscheidende Rolle spielten: Die lesenden Frauen emanzipierten das Lesen nicht nur aus dem überkommenen, männlich definierten Regelkanon, sondern emanzipierten auch sich selbst, indem sie leidenschaftlich lasen und dann begannen, ihre Leben zu verändern. Schon seinerzeit war die Pointe meiner Ausführungen, dass es letztlich gar nicht darum gehen kann (und auch nicht muss), ob Lesen nun zuweilen glücklich oder zuweilen auch nicht glücklich macht. Sondern vielmehr darum, was Lesen zu einem glückenden, selbstbestimmten Leben beitragen kann, gerade dann, wenn dieses, den Umständen oder der eigenen Person oder beidem geschuldet, zuweilen alles andere als glücklich verläuft.

Der Autor will seine Leserinnen und Leser nicht etwa davon abhalten, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem Lesen von Literatur. Vielmehr will er sie darin bestärken, genau das weiterhin und mit noch mehr Selbstbewusstsein zu tun. Damit wir allen, die uns bei unserer Lieblingsbeschäftigung stören und behaupten, Lesen sei, zumal in unseren Zeiten, überflüssig und wirkungslos, etwas entgegensetzen können, was sie womöglich sogar vom Gegenteil überzeugt.

Das Buch erscheint in diesen Tagen nun neu, in veränderter Ausstattung, vollständig überarbeitet und mit 50 Prozent mehr Umfang – dabei aber immer noch mit kaum 160 Seiten hübsch schmal und rasch zu lesen. Denn der Autor wollte und will seine Leserinnen und Leser nicht etwa davon abhalten, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem Lesen von Literatur. Vielmehr will er sie darin bestärken, genau das weiterhin und mit noch mehr Selbstbewusstsein zu tun. So enthält das Buch neben einer ganzen Reihe von Lektürevorschlägen für die unterschiedlichsten Lebenslagen und Lebensprobleme auch Argumente, warum Lesen eine so sinn- wie lustvolle, lebensbejahende, den eigenen Handlungsspielraum erweiternde und auch zeitgemäße Beschäftigung ist. Damit wir allen, die uns bei unserer Lieblingsbeschäftigung stören und behaupten, Lesen sei, zumal in unseren Zeiten, überflüssig und wirkungslos, etwas entgegensetzen können, was sie womöglich sogar vom Gegenteil überzeugt. Ja, das Lesen von Büchern ist zeitgemäß und allen anderen Formen der Feierabendunterhaltung und Aneignung von Lebens- und Weltwissen immer noch weit überlegen. Daran haben auch die digitalen und sozialen Medien nichts geändert. Im Gegenteil, gerade dort lässt sich letzter Zeit geradezu eine Renaissance des Lesens beobachten. Das ist alles sehr emotional und auf Selbstdarstellung bedacht, aber doch auch ein Zeichen dafür, dass Lesen, egal in welchem Alter, eine elementare Ressource von Lebendigkeit und Selbstwirksamkeit ist. Die Szene heute erinnert stark an die Situation um 1800, als schon einmal viele junge Frauen mit ihrem Leseverhalten und ihren Geschichten den Literaturbetrieb (und nicht nur den) unsicher machten.  

Mag Lesen auch weiterhin als Flucht und Eskapismus gescholten werden: Es ist jene Form von Eskapismus, die uns mehr als alle anderen zu uns selbst zurückführt, zu unseren Lebensproblemen, unserer Lebenswirklichkeit und nicht zuletzt zu unseren Wünschen an das Leben. 

Stefan Bollmann
Im Zauber der Bücher
Warum Lesen glücklich macht
160 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
Elisabeth Sandmann Verlag

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