»Warum haben Sie Thomas Mann adaptiert?«, hat das Lübecker Buddenbrookhaus anlässlich von Thomas Manns 150. Geburtstag am 6. Juni gefragt, und ich habe mit diesem Text geantwortet. Er ist etwas länger als blog-üblich geraten, was bei diesem Meister der komplexen Satzgefüge und der vielschichtigen Romankompositionen aber auch nicht weiter verwundern muss. Zusammen mit einer Empfehlung des »Zauberberg« als Remedium gegen Zeitdruck und Chronophobie bildet er den Auftakt einer kleinen Reihe auf freilesen.com zu diesem längst nicht mehr umstrittenen, aber immer wieder Staunen machenden Schriftsteller.
Es gibt kleine und große Riesen in der Literatur, und Thomas Mann ist ein überaus großer Riese, im 20. Jahrhundert vielleicht der allergrößte deutsche Literaturgroßriese. Was ist der Grund für dieses Riese-sein von Thomas Mann? Ist ihm alles gelungen? Nein, keineswegs – nehmen wir zum Beispiel nur »Fiorenza«, sein einziges Drama. Wie urteilte der Kritiker Alfred Kerr so despektierlich wie unerbittlich, nachdem er in Anwesenheit des Autors, zwei Reihen hinter ihm sitzend, der Berliner Uraufführung des Dramas beigewohnt hatte? »Der Verfasser ist ein feines, etwas dünnes Seelchen, dessen Wurzel ihre stille Wohnung im Sitzfleisch hat.« Das saß, auch wenn Kerrs Verriss sicher noch andere als rein literarische Gründe hatte: Der Autor der »Buddenbrooks« hatte den Kritiker nämlich bei Katia Pringsheim ausgestochen, um die dieser ebenfalls und sogar noch vor ihm geworben hatte.
Thomas Mann konnte aber nicht nur Drama nicht, auch Lyrik, der man das Prädikat »große Klasse« zugestehen würde, hat er nicht geschrieben. Er konnte eigentlich nur Prosa, aber die in allen Gewichtsklassen, vom Federgewicht der Kurzgeschichte über das Weltergewicht der Novelle und des Essays bis zum Superschwergewicht des dicken Romans à la »Der Zauberberg«, »Dr. Faustus« und an Umfang kaum noch zu überbieten: »Joseph und seine Brüder«. Und ist mit dieser Prosa-Ausschließlichkeit in bester, moderner Gesellschaft, von Proust über Joyce und Virginia Woolf bis hin zu den großen amerikanischen Romanciers und denen der heutigen Weltliteratur: lauter geradeaus gerichtete Prosaisten.
Auch die Prosa aber ist ihm nicht in den Schoß gefallen, das hat Kerr ganz richtig gesehen. Thomas Mann war ein harter Arbeiter am Schreibtisch des Lebens, und er war vor allem ein fleißiger, steter Schreiber. »Nulla dies sine linea«, diese ursprünglich auf Plinius den Älteren zurückgehende und auf die Malerei gemünzte, erst später auf die Schriftstellerei übertragene Maxime war auch die Thomas Manns. Selbst wenn man im Durchschnitt täglich nur eine Seite schafft, kommen in drei Jahren über 1000 Seiten und damit ein Roman vom Umfang der »Buddenbrooks« oder des »Zauberberg« zusammen Und Thomas Mann schaffte mehr, durchschnittlich fünf eng beschriebene Blätter pro Tag, zählt man die ungeheure Menge der von ihm geschriebenen Briefe mit. Und das trotz aller im Tagebuch akribisch festgehaltenen Durchhänger, Verdauungsbeschwerden und anderen Störfaktoren, unter denen immerhin auch eine Emigration und sechs, nicht gerade einfache Kinder waren. Als sich der Ende Zwanzigjährige bei den superreichen Münchner Pringsheims als Schwiegersohn ins Gespräch brachte, stieß das bei seinem zukünftigen Schwiegervater, dem Mathematiker Alfred Pringsheim, erst einmal nicht auf Gegenliebe. Denn er hielt Literaten für eine Spezies, die die beste Zeit des Tages im Bett und in Kneipen verbringt und ansonsten in Mansarden vermodert. Nicht nur darin hat er sich in Thomas Mann arg geirrt.
Was für eine enorme Aufbietung an Willenskraft muss es für einen jungen Mann, dessen Begehren eigentlich anderen jungen Männern galt, bedeutet haben, um eine junge Frau zu werben, in der Absicht, mit ihr eine Familie zu gründen? Die Naturwissenschaftsstudentin Katia Mann, die eigentlich gar nicht heiraten wollte, hat den enormen Willen hinter Thomas Manns Werbung sofort gespürt und sich dem intuitiv erst einmal widersetzt, um schlussendlich dann doch »Ja« zu sagen. Was eigentlich an Problematik hinter dieser Entscheidung ihres zukünftigen Mannes steckte, seinem Leben eine den Konventionen und seinem Sicherheitsbedürfnis entsprechende bürgerliche Form zu geben, dürfte ihr trotzdem erst viel später klar geworden sein – worauf sie sich denn auch prompt Urlaub vom Familiendasein nahm, um in einem Davoser Sanatorium ihre Fassung wiederzugewinnen.
Noch daraus hat Thomas Mann Literatur gemacht, womit wir neben der ungeheuren Willensanstrengung, verbunden mit enormem Fleiß, bei der zweiten großen Quelle seines literarischen Riese-seins wären: dem Talent, aus wenigem sehr viel zu machen. Thomas Mann war alles andere als ein Originalgenie; er hatte aber die ungeheure Begabung, aus dem bisschen Selbsterlebten und manchem Angelesenen ganze literarische Welten hervorgehen zu lassen, die in der Regel gar nicht nach bescheidener Erfahrungsbasis und vor allem viel Lektüre aussahen. Dafür bewundere ich ihn über die Maßen. Schon die »Buddenbrooks«, sein erster großer Roman, war im Kern eine Chronik der eigenen Herkunftsfamilie: Weniges musste er hinzuerfinden oder auch nur modifizieren. Was aber hinzukam, war neben Thomas Manns großer sprachlicher Darstellungskunst auch ein ironisch-satirischer Beobachterblick, den er sich in München als Redakteur der Zeitschrift »Simplicissimus« antrainiert hatte.
Auch der fast 20 Jahre später geschriebene »Zauberberg«, Manns zweiter Riesenroman, hat viel von diesem Bystander-Blick. Ich habe lange gebraucht, und eigentlich ein ganzes Buch über die turbulente Schwabinger Boheme-Welt um 1900 schreiben müssen, um dahinterzukommen, dass Thomas Mann im „Zauberberg“ akribisch und sehr detailfreudig verarbeitet, was er in München, vor und nach der Eheschließung, als genauer Beobachter der Boheme und der geistigen Tendenzen seiner Zeit aufgesogen hat. Zu dem Selbsterlebten, das Thomas Mann dabei dem Beobachteten hinzufügte, zählt vor allem die Liebesgeschichte, die den Protagonisten Hans Castorp von seiner homoerotischen Neigung der Jugendzeit zu einer heterosexuellen Liebesnacht mit einer gewissen Clawdia Chauchat führt. Besser konnte er die Geschichte des eigenen Begehrens kaum in dem großen Roman verstecken; denn natürlich ist Clawdia Chauchat nicht Katia Pringsheim, sondern eher ein verschleiertes Porträt der Rilke-Liebhaberin Lou Andreas-Salome samt ihrer Angewohnheit, in der Welt herumzureisen und dabei zu immer neuen Männern Beziehungen anzuknüpfen, während sie ihr Eheleben hübsch im Verborgenen hielt. Thomas Mann hat eben nicht nur das eigene Leben als Quelle genutzt, er hat auch die Spuren verwischt. Keiner sollte ihm auf die Schliche kommen, und doch wollte er alles verlautbaren. Oder, sagen wir es so: Er schrieb keine Autofiktion, nahm sich viel mehr Freiheiten gegenüber der realen Lebensgeschichte heraus als das heutzutage Autorinnen und Autoren tun, die unter dieser Flagge segeln. Aber alles, was ihn im Innersten berührte, einschließlich dessen, was er als Geheimnis bewahren wollte, ist in seine literarischen Werke eingegangen und ist dort dann auch gut aufgehoben: durchgearbeitet und zugleich so gut wie unsichtbar gemacht.
Thomas Mann ist auf dieses Verfahren bereits mit Anfang 20 gestoßen, als er den »kleinen Herrn Friedemann« schrieb, diese Novelle über einen körperlich missgebildeten jungen Mann, der mit Anfang 30 seinen Seelenfrieden gefunden zu haben meint, den aber dann doch die Leidenschaft heimsucht – in Gestalt einer »Belle Dame sans Merci«, einer schönen Frau ohne Mitgefühl, die ihn in den Suizid treibt. Hier ist nicht der Platz, im Detail der Analogie zwischen Friedemann und seinem Schicksal und dem jungen Autor und seiner Lebenssituation nachzugehen. Zitiert sei aber doch, was Thomas Mann in dieser Zeit einem Freund, angehender Schriftsteller und Homoerotiker wie er selbst, anvertraute: »Seit einiger Zeit ist es mir, als hätte ich die Ellenbogen frei bekommen, als hätte ich Mittel und Wege gefunden, mich auszusprechen, auszudrücken und künstlerisch auszuleben, und während ich früher eines Tagebuches bedurfte, um, nur fürs Kämmerlein, mich zu erleichtern, finde ich jetzt novellistische, öffentlichkeitsfähige Formen und Masken, um meine Liebe, meinen Hass, mein Mitleid, meine Verachtung, meinen Stolz, meinen Hohn und meine Anklagen – von mir zu geben … Das begann glaube ich, mit dem Kleinen Herrn Friedemann.«
Thomas Mann hat sich freigeschrieben. Er hat das Spiel mit den »öffentlichkeitsfähigen Formen und Masken«, die ihm erlaubten, mit seinen Erlebnissen und Sehnsüchten literarisch unter die Leute zu gehen, ohne sich preiszugeben, zunehmend souveräner gehandhabt und ist dabei zu dem erzählerischen Riesen mit dem Riesenwerk geworden, als den ihn die Welt schätzt. Bevor man dieses Verfahren des ständig aufgeschobenen, stets von Camouflage begleiteten Coming-outs der Unaufrichtigkeit oder Feigheit bezichtigt, weil immer nur Teilwahrheiten und die noch versteckt preisgegeben werden, sei gefragt, ob ein solcher Vorwurf nicht etwas verwechseln würde: nämlich Literatur und ihre Fiktionalität mit Psychologie und Wahrheit. Und auch was er bezweckt: ein läppisches Geständnis statt eines riesenhaften Werks, das Generationen von Leserinnen und Lesern aufs Amüsanteste und Intelligenteste unterhalten und gebildet hat? Was für eine Farce wäre denn das!
Der große Maskenbildner Mann hat das, was er da tat, nicht nur selbst durchschaut. Er hat auch den Figuren seiner literarischen Anfänge, die in irgendeiner Weise immer schlecht mit dem Leben zurechtkommen, sein ganzes Schriftstellerleben lang die Treue gewahrt, selbst als er längst Literaturnobelpreisträger und weltberühmt war. Eigentlich sind alle Helden Thomas Manns kleine Friedemänner; irgendein Knacks, eine Unzulänglichkeit, ein Defizit oder Defekt, etwas, das sie unwiderruflich zu Außenseitern stempelt, ist ihnen stets mit auf den Lebensweg gegeben. Nur dass sie ab einem gewissen Punkt in der schriftstellerischen Entwicklung Thomas Manns (der m.E. sehr viel mit seiner eigenen Familiengründung zu tun hat), nicht mehr wie der kleine Herr Friedemann (oder dann der große Gustav von Aschenbach) an ihrem Lebensproblem zugrunde gehen, sondern lernen, damit zu leben, ja, aus der Schwäche ihre ureigene Stärke zu machen. Tonio Kröger ist der erste von ihnen, dann aber vor allem Hans Castorp, der naive »Held« des Zauberbergs, der in seiner Mischung aus Blauäugigkeit und Todesverehrung wie dafür gemacht scheint, an einem Ort des Sterbens, wie es ein Lungensanatorium seinerzeit war, aus dem Leben zu gehen. Thomas Mann rettet aber gerade ihn, indem er ihn, wie unverdient auch immer, nicht nur die Liebe erfahren, sondern auch als lebensbewegende, Lebendigkeit stiftende Kraft entdecken lässt. Gegen diese Sicht der Dinge mag sprechen, dass Thomas Mann seinen Helden nach sieben Jahren Zauberberg schlussendlich auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs schickt und Hans Castorp diese seine Freisetzung wohl kaum überlebt. Aber dieser Held Thomas Manns geht nicht mehr an sich selbst, an den eigenen Lebensproblemen zugrunde, sondern wie so viele Männer damals wird er Opfer eines Kriegs, dessen katastrophale Sinnlosigkeit mit seinem Fortgang immer erkennbarer wurde.
Thomas Manns Helden, auch die wenigen weiblichen unter ihnen, sind Held:innen aus Schwäche – das macht sie bis heute zu Modellen der Lebensdeutung, ja zu Vorbildern. Was der von seinem ungeliebten Außenseiterbewusstsein getriebene junge Thomas Mann anfangs nur als Stigma begreifen konnte, wurde dem anerkannten Schriftsteller und aufrechten Demokraten zum Zeichen von Erwähltheit: Ein so starkes, wortmächtiges Plädoyer für Individualität und Freiheit wie im Romanwerk Thomas Manns lässt sich in der Literatur des 20. Jahrhunderts ansonsten nur noch bei Virginia Woolf finden. Überhaupt haben die britische Schriftstellerin, die auch eine mit einem Mann verheiratete, aber frauenliebende Feministin war, und der mit einer Frau verheiratete, aber männerliebende deutsche Schriftsteller Thomas Mann mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint: Bei beiden geschieht das Heranreifen zur Existenz als Schriftsteller:in vor dem Hintergrund eines gerade auch sexuellen Außenseiterbewusstseins und des Erlebnisses einer Künstlerboheme – Bloomsbury bzw. Schwabing. Und für beide ist die Literatur weit mehr als lediglich »imaginatives Schreiben im Sinne von Fiktion«, wie eine gängige Definition lautet. Sie ist für sie so viel mehr: das ihren Lebensproblemen adäquate Ausdrucksmittel, mehr noch das diese Lebensprobleme in geistige Bahnen lenkende Überlebensmittel. Nicht zuletzt das ließ beide zu Riesen der Literatur heranwachsen, deren Wohnung das Sitzfleisch und nicht das pralle Leben gewesen sein mag, um noch einmal den Kritiker Alfred Kerr zu bemühen. Die dabei aber Werke geschaffen haben, in denen sich Menschen bis heute wiedererkennen und in ihren Schwierigkeiten mit sich selbst und dem Leben und auch in ihren Sehnsüchten ernst genommen fühlen.