Seit einigen Jahren präsentiert das Literaturhaus München klug konzipierte und die Sinne wie den Intellekt gleichermaßen ansprechende Ausstellungen zu großen Denkerinnen und Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Ingeborg Bachmann ist nun Susan Sontag zu entdecken – in Fotografien und Manuskripten, Büchern und Objekten, Filmausschnitten und Statements. Darunter sogar ein Signature Piece, ein schwarzer Ledermantel von Hermès, den die junge Susan Sontag auf einem berühmten Foto trägt, das Richard Avedon von ihr in den Straßen von New York gemacht hat. New York, das ist die Metropole, mit der Susan Sontag in ihrem gesamten Habitus, ihr Denken eingeschlossen, so eng verbunden war wie Simone de Beauvoir mit Paris oder Ingeborg Bachmann mit Rom. Die geniale Ausstellungsarchitektur des Münchner Gestaltungsbüros unodue{ hat sich von den Wolkenkratzern, Straßenschluchten und Schaufenstern von Amerikas europäischster Stadt inspirieren lassen und geht von der Vitrine in die dritte Dimension. »Lieber hätten wir noch mehr in die Höhe gebaut«, meinte Florian Wenz von unodue{ bei der Eröffnung, doch dem hat der Saal Grenzen gesetzt. Dafür ist akustisch für ein wenig Times Square-Atmosphäre gesorgt. Eine perfekte Gelegenheit, um Susan Sontag in ihrer Welt aufzusuchen oder die Bekanntschaft mit ihr und ihrem Werk aufzufrischen.
Everything matters« – »Alles ist wichtig«, ist die von Tanja Graf, Anna Seethaler und Anna-Lisa Dieter gemeinsam verantwortete Ausstellung überschrieben – ein Satz, den die junge Susan Sontag, die gerade Philosophie und Literatur in Berkeley zu studieren beginnt, in ihrem Tagebuch notiert. Wie so häufig bei ihr ist er Teil einer Selbstermahnung: »Ich werde mich voll und ganz auf alles einlassen …«, schreibt sie: »alles ist wichtig! Das Einzige, was ich aufgebe, ist die Berechtigung, aufzugeben, mich zurückzuziehen: die Annahme der Gleichförmigkeit und des Intellekts. Ich bin lebendig … Ich bin schön … was braucht es mehr?« Schon einiges, möchte man der Sechzehnjährigen beinahe zurufen, die gerade im Begriff ist, das Projekt »Susan Sontag«, zu starten. Es besteht im Kappen aller Wurzeln der Herkunft und in der radikalen Neuerfindung des eigenen Lebens. Die Welt ist nicht gleichförmig, sie ist vielfältig, bunt, hat sie in den letzten Wochen erlebt, sie enthält viel mehr, als unser beschränkter Intellekt sich träumen lässt, der an Universitäten wie Berkeley geschult und verfeinert wird.
Everything matters« ist in Susan Sontags Tagebuch das Resümee einer Erfahrung, die sie zuvor in einem fast 30 Seiten umfassenden Eintrag beschreibt: Die junge, hochbegabte Studentin unterhält ein freundschaftliches Verhältnis zu Allan Cox, einem Kommilitonen. Cox selbst und auch die Beziehung zu ihm verkörpern für sie all ihre »Ängste und Hemmungen gegenüber dem Leben«, ihre ausgeprägte Sehnsucht, sich in die Intellektualität zurückzuziehen, nicht zuletzt, weil sie spürt, dass das mit ihrem Begehren irgendwie anders läuft als im »Normalfall«, den sie erstmal auch für sich selbst in Anspruch nimmt. Cox bietet da viele Vorteile: Sie findet ihn völlig unattraktiv, empfindet aber aufrichtigen Respekt vor seinem Intellekt und ist sich sicher, dass es Wochen dauern wird, bis er irgendwelche Annäherungsversuche unternimmt.
In dieser Situation lernt sie Harriet kennen, »ziemlich groß – fast, 1,80 m –, nicht hübsch, aber trotzdem attraktiv«, und vor allem, sie hat ein wunderbares Lächeln »von einer umwerfenden, einzigartigen Lebendigkeit«. Harriet lädt sie ein, gemeinsam eine Freundin von ihr zu besuchen, und dieser Abend wird zu einem lebensverändernden Einschnitt in Susan Sontags Biografie. Während sich Harriet in ihrem Zimmer für den Abend schnell noch ein Paar Levis überzieht, liest sie die ersten Seiten in Hermann Hesses »Steppenwolf«, der dort herumliegt – und dann kann es losgehen. In San Francisco essen sie zu zweit bei einem Chinesen und besuchen anschließend mit Harriets Freundin und deren Mann eine Bar, in der vor allem lesbische Paare verkehren. Längst hat Susan gemerkt, dass Harriet und ihre Welt der von Cox, die bislang auch ihre eigene war, »diametral entgegengesetzt« ist. In der Bar beginnt sie irgendwann mit Harriet zu tanzen, anfangs noch sehr angespannt und ungelenk, beim zweiten Mal geht es schon besser. Sie ziehen weiter, erst ins Paper Doll und landen schließlich im Tin Angel, der berühmten, später von Joni Mitchell besungenen LGBTQ-Bar. Dort beginnen sie miteinander zu schmusen und verbringen schließlich den Rest der Nacht gemeinsam unter Liebkosungen.
Und was sei sie jetzt, da sie dies schreibe, fragt sich die Tagebuchschreiberin? Und gibt sich die Antwort selbst: »Nichts Geringeres als ein völlig anderer Mensch«. Soeben sei sie noch kurz davor gewesen, ihr ganzes Wesen zu negieren, den Körper zu verachten. Aber nach dieser Nacht weiß sie mehr darüber, was in ihr steckt und was sie mit ihrem Leben anfangen will: »Ich will mit vielen Leuten schlafen – ich will leben und ich will nicht sterben müssen … ich gedenke nicht, mich von meinem Verstand dominieren zu lassen … ich interessiere mich nicht im Allergeringsten für irgendwelche Faktenansammlungen, egal von wem, oder höchstens insofern, als sich darin eine gewisse grundlegende Sensibilität widerspiegeln soll … Ich werde mich voll und ganz auf alles einlassen -… everything matters«.
Dieser Devise ist Susan Sontag bis zuletzt treu geblieben, allen Hindernissen, Rückschlägen, Anfeindungen, Krankheiten zum Trotz. Unter die im Alter von gerade einmal 17 Jahren eingegangene Ehe mit dem älteren Soziologiedozenten Philipp Rieff hat sie nach acht Jahren einen Schlussstrich gezogen. Da kam sie gerade von einem längeren Aufenthalt in Europa in die USA zurück, hatte vor allem das Paris der Existenzialisten als Ort ihrer Selbstbefreiung erlebt. Und wählte nun ganz bewusst New York als Stadt zum Leben und für den Weg zum Ruhm, der ihr vorschwebte. Den gemeinsamen Sohn David Rieff hat sie allein großgezogen, nachdem sie den Prozess um das Sorgerecht trotz ihrer sexuellen Präferenz für Frauen gewonnen hatte – ein unerhörter Triumph zur damaligen Zeit.
Zwei, nur auf den ersten Blick harmlose Tätigkeiten waren für das so ambitioniert wie hartnäckig betriebene Projekt Susan Sontag entscheidend: Lesen und Schreiben. Schon seit ihrer frühen Jugend war Sontag eine leidenschaftliche Vielleserin, und das nicht nur, wie man vermuten könnte, um sich in eine andere Welt zu träumen, nervöse Energie abzubauen oder auch nur die fehlende Bildung zu erlangen. Dabei hatte man sie zu Hause gewarnt: Wenn sie zu viel lese, werde sie Schwierigkeiten haben, einen Mann zu bekommen. »Lesen hieß, ein Messer in das Leben der anderen rammen«, kommentierte Susan Sontag später lakonisch, worum es ihr dabei vor allem ging. Und auch das Schreiben begriff diese Self-made-Woman als Waffe der Selbstbehauptung: »Mein Wunsch zu schreiben hängt mit meiner Homosexualität zusammen«, notiert sie am Christmas Eve des Jahres 1959 in ihrem Tagebuch. »Ich brauche diese Identität als Waffe, als Gegenstück zu der Waffe, die die Gesellschaft gegen mich einsetzt.«
Ich habe keine Beziehung zu meiner eigenen Vergangenheit; ich habe mich komplett selbst erfunden«, hat Susan Sontag immer wieder betont. Die Idee der Selbsterfindung ist eine existenziell wie philosophisch anspruchsvolle Idee, tief im American Dream verwurzelt und dabei etwas für Leute, die von ihrer Einzigartigkeit überzeugt sind. Umso banaler mutet das Werkzeug an, das Susan Sontag gewählt hat, um diese Idee für ihr Leben produktiv zu machen. Es ist, wie auch in der Ausstellung an vielen Beispielen dokumentiert, das Schreiben von Listen. Gleich die erste Tagebucheintragung aus dem Jahr 1948 ist eine Liste dessen, an was die Vierzehnjährige glaubt: »dass Menschen sich allein durch ihre Intelligenz unterscheiden« etwa und »dass es falsch ist, einem Menschen das Leben vorzuenthalten«. Am 19.12.1948 heißt es: »Es gibt so viele Bücher und Theaterstücke und Erzählungen, die ich lesen muss«. Und es folgt eine Liste, die sich über fünf Seiten erstreckt und mehr als 100 Titel aufführt. Andere, gezieltere Leselisten beginnen mit dem Wort »Buy«, Kaufen.
Daneben gibt es Listen mit ihr bislang unbekannten Wörtern, etwa aus der Schwulen- oder der Bildungssprache, Listen mit »Ideen für Erzählungen«, Listen, wie ein gelungener Tag in Paris oder New York aussieht, Ich-mag- / Ich-mag-nicht-Listen. Aber auch Listen mit pädagogischen Grundsätzen für die alleinerziehende Mutter und nicht gerade wenige Listen mit Selbstermahnungen, um das eigene Verhalten zu optimieren – etwa sich nicht zu wiederholen, die Knöpfe an den Kleidungsstücken anzunähen »(+ selbst zugeknöpfter sein)«, jeden Tag zu baden und alle zehn Tage die Haare zu waschen und darüber nachzudenken, »warum ich im Kino an den Nägeln kaue«.
Wie man sieht, war es nicht nur ein Spaß, Susan Sontag zu sein.
Ihre kürzeste und zugleich anspruchsvollste Liste lautet: »Tu was / Tu was / Tu was«.
Selbst im Sterben soll sie noch Listen geführt haben, behauptet Anna-Lisa Dieter in ihrem 100-Seiten-Band über Susan Sontag.
To-do-Listen gelten als das optimale Instrument für ein besseres Zeitmanagement im Alltag. Vielleicht war es aber weniger das, was Susan Sontag an Listen derart fasziniert hat, dass sie zur Grundlage ihrer Selbsterfindung wurden. Wie die Neurowissenschaft herausgefunden hat, streicht unser Gehirn erledigte Aufgaben mehr oder weniger sofort aus dem Gedächtnis. Unerledigtes schleppt es hingegen belastend mit sich herum. Die kleinen und großen To-dos aufzulisten, bedeutet sie in einem externen Arbeitsspeicher festzuhalten. Von dem Stress, daran denken zu müssen, ist das Gehirn nun entlastet, und das hat oftmals belebende Wirkung, als wäre die Aufgabe bereits erledigt. Das könnte auch eine Erklärung für Susan Sontags legendäre Energie und Gegenwärtigkeit und damit auch für ihr Vermögen zur Selbstveränderung sein: Sie listete die gewünschten oder zu tuenden Dinge einfach auf und war danach wieder frei – für das wirklich Wesentliche: sie selbst.
Zweimal hat Susan Sontag den Kampf gegen den Krebs gewonnen, den dritten dann verloren. Immer wählte sie die radikalste, brutalste aller möglichen Operationen. In »Krankheit als Metapher«, vermutlich ihrem bekanntesten, am meisten gelesenen Buch, fragt sie, wie man sinnvoll über Krebs und den an Krebs erkrankten Körper sprechen kann, statt die Ursache in der Seele und in der Moral zu suchen, vor allem aber ohne die üblichen Kriegsmetaphern, die die Erkrankung dämonisieren, statt uns in ein realistisches Verhältnis zu ihr zu setzen. Nach ihrer zweimaligen Genesung ging Sontag, wie es die Schriftstellerin Anne Boyer formuliert hat, als »intensivierte Version ihrer selbst« aus der Krebserkrankung hervor, gab so wenig wie zuvor acht auf ihre Gesundheit, schlief wenig, aß unregelmäßig, rauchte viele Zigaretten am Tag. Beim dritten Mal dann bekam das Bild von ihr als »der glanzvoll Überlebenden, die die tödliche Krankheit durch das Sammeln von Wissen und den Mut zu radikalen Therapien überwinden kann«, Risse, wie Anna-Lisa Dieter schreibt. Sie begehrte gegen den Tod auf, wollte auf keinen Fall sterben. Eine Welt ohne das Projekt Susan Sontag konnte sie sich nicht vorstellen. »Das Einzige, was ich aufgebe, ist die Berechtigung, aufzugeben, mich zurückzuziehen«, hatte bereits die Sechzehnjährige verkündet.
»Sie war großartig«, hat die antiguanisch-amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid gemeint. Und hinzugefügt: »Ich glaube, seit ich Susan Sontag kenne, will ich nicht mehr großartig sein.«
Bis zum 30.11.2025 im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1 (Sommerpause vom 4.–31.8.)
Öffnungszeiten: Mo-So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr
Die Ausstellung ist vollständig zweisprachig deutsch und englisch.