Heute vor 150 Jahren wurde Thomas Mann geboren. Ich feiere ihn und sein Werk, indem ich eine Episode aus seinem Leben berichte: das Werben um und die Hochzeit mit Katja Pringsheim. Mann erscheint in diesem Zusammenhang nicht gerade als Held. Das muss er aber auch nicht. Das Berichtete ist allzu »mähnschlich«, wie die junge, kirgisenäugige und türenschlagende Russin mit dem sprechenden Namen Clawdia Chauchat gerne sagt, die im »Zauberberg« für Hans Castorp – auch er ein völlig unheldischer Held – zur Liebe seines Lebens wird. Und das nicht zuletzt, weil sie ihn an einen Jungen erinnert, in den er als Schüler unsterblich verliebt war. Warum ich Thomas Mann keineswegs trotzdem, sondern gerade wegen solcher Schwächen verehre, davon habe ich an anderer Stelle berichtet.

Die Mutter ist mit der Hochzeit ihres Zweitältesten gar nicht zufrieden. Sie findet das Fest kärglich, prosaisch, ihrem Sohn nicht angemessen. Er hätte eine kirchliche Trauung verlangen müssen, meint sie, so wie es die Familientradition, jedenfalls ihre, vorschreibt. Zu nichts anderem sei sie geladen, als mit dem Hochzeitspaar zu dinieren. Sie findet die Braut kühl, fragt sich, ob sie ihren Sohn wirklich liebt. Thomas Manns Bruder, dem sie ihr Leid klagt, hört förmlich ihre Seufzer, als er ihren Brief liest: »Ach Heinrich, ich war ja nie mit dieser Wahl einverstanden.«

Eine Wahl aber ist es, in der Tat. Und Mann hat gewählt, die Braut ist, wenn es hochkommt, die Erwählte. Nach dem Ende der Freundschaft mit Paul Ehrenberg hat der junge Schriftsteller systematisch begonnen, über eine bürgerliche Ehe nachzudenken. Seine Liebesbeziehungen zu Männern sind nie darauf angelegt gewesen, in dauerhafte, lebbare Verhältnisse zu münden. Ein Outing kommt für Thomas Mann so wenig in Frage wie für Stefan George. Die erotische Verführung, die für ihn von Knaben und jungen Männern ausgeht, hat auch damit zu tun, dass sie die Gegenwelt bedeuten zur bürgerlichen Realität mit ihren Verpflichtungen zu Form und Gefühlskontrolle. Paul Ehrenberg, das sind »die Tage des lebendigen Fühlens«, wie Thomas Mann in einem an den Freund gerichteten Liebesgedicht formuliert.

Doch jetzt ist es entschieden: Thomas Mann will seinem Künstlertum, mit dem er in der bürgerlichen Welt beginnt erfolgreich zu sein, auch eine bürgerliche Verfassung geben, als Gegengift gegen Ästhetizismus, Promiskuität, Unfruchtbarkeit, und Todessehnsucht, die er nicht nur mit homoerotischen Gefühlen verbindet, sondern generell als Tendenz eines Lebens erkennen zu glaubt, das sich rein auf ein künstlerisches Verhältnis zur Welt gründet. »Neigung zum Abgrund« nennt er das auch.

Die bürgerliche Ehe dagegen steht für »Dauer, Gründung, Fortzeugung, Geschlechterfolge, Verantwortung«, wie er das später formulieren wird. Selbst die Zuneigung der Ehepartner ist da dem Entschluss zur Verehelichung nachgeordnet, stellt sich womöglich im Vollzug der Ehe ein, ist aber nicht ihr Fundament. Thomas Mann macht mit dieser Vorstellung von Ehe, die schon damals einen Bart zu bekommen beginnt, durch ein Zitat Hegels Bekanntschaft und erkennt darin nachträglich genau seinen Fall.

Dieser Text ist ein Auszug aus obigem Buch, erschienen 2024 bei Klett-Cotta.

Doch wohin mit den Gefühlen? Reicht es, sie allein aufs literarische Werk zu lenken? Thomas Mann weiß sehr genau, dass ohne »die Tage des lebendigen Fühlens« auch seine künstlerische Produktivkraft versiegen würde. Das Verfassen von Literatur lässt sich nicht darauf reduzieren, interessegeleitet wohlgesetzte Worte aufs Papier zu bringen, wie er das nun praktiziert, als er um Katia Pringsheim auch brieflich zu werben beginnt. Reichlich gestelzt wirkt das alles.

Und bedarf es nicht auch einer gewissen Leidenschaft, als seelisch-körperlicher Voraussetzung für »Dauer, Gründung, Fortzeugung, Geschlechterfolge, Verantwortung«? Die Adresse von Dr. Albert Freiherr von Schrenck-Notzing hat sich Thomas Mann bereits im Januar 1899 notiert. Gut zwei Jahrzehnte später wird er an spiritistischen Sitzungen im Hause Schrenck-Notzing teilnehmen und über seine »okkulten Erlebnisse« sogar berichten; auch in ein Kapitel des 1924 fertiggestellten Vorkriegsromans Der Zauberberg sind die Schilderungen eingegangen. Zur Jahrhundertwende ist der Nervenarzt aber vor allem für seine Behandlung der »konträren Sexualempfindung« in München bekannt. Nicht auszuschließen, dass sich Thomas Mann sogar einer Suggestionstherapie bei Schrenck-Notzing unterzieht, der die Verlagerung des homoerotischen Verlangens aufs andere Geschlecht zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahrzehnt lang durchaus erfolgreich praktiziert. Bei Otto Grautoff, dem Lübecker Freund, erlebt er jedenfalls, wie eine solche Therapie abläuft. Er leiht ihm sogar etwas Geld, damit er in Berlin Dr. Albert Moll, einen Spezialisten für Neurasthenie und Sexualprobleme und einen Weggefährten Schrenck-Notzings aufsuchen kann.

 »Absorbierende Bemühungen«

Im Nachhinein – da ist er immerhin schon mit Katia Pringsheim verlobt – hat Thomas Mann gegenüber dem älteren Bruder die »Werbezeit«, zumindest deren letzte Hälfte, »als eine große seelische Strapaze« bezeichnet. Es gelte andauernd, »sich menschlich stramm zu halten«, und häufig genug laufe das ganze sogenannte Glück auf »ein Zähne zusammenbeißen« hinaus. Von »absorbirenden Bemühungen« und den »fruchtlosen und enervirenden Extasen, die dieser absurden Verlobungszeit eigentümlich sind«, spricht er da.

In wen oder was verliebt sich Thomas Mann eigentlich? Er fragt sich das selbst häufig. In die Weltoffenheit der Familie Pringsheim, die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Luxusleben führen? »Pringsheims sind ein Erlebnis, das mich ausfüllt«, bekennt er seinem Bruder Heinrich, kurz nachdem er dort eingeführt worden ist: »Tiergarten mit echter Cultur. Der Vater Universitätsprofessor mit goldener Cigarettendose, die Mutter eine Lenbach-Schönheit, der jüngste Sohn Musiker, seine Zwillingsschwester Katia (sie heißt Katia) ein Wunder, etwas unbeschreiblich Seltenes und Kostbares, ein Geschöpf, das durch sein bloßes Dasein die kulturelle Thätigkeit von 15 Schriftstellern oder 30 Malern aufwiegt …«

Das ist natürlich schamlos übertrieben, bis auf die Tatsache, dass für Thomas Mann, ganz in Umkehrung zur öffentlichen Meinung in der Kunststadt München, die Leistung eines Schriftstellers die zweier Maler egalisiert. Mindestens.

Alfred Pringsheim dagegen, der Sammler, der in den einschlägigen Münchner Geschäften immer als der »Herr Kunstmaler« bekannt ist, hält die Schriftstellerei für eine unseriöse Beschäftigung, um nicht zu sagen eine niedere Lebensform. Ganz im Gegensatz zum Musiker und natürlich dem Mathematiker. Als Ehemann für seine einzige Tochter wünscht er sich einen jungen Gelehrten oder Professor, jedenfalls keinen von diesen Literaten, die nicht zu Gesellschaften gehen, sondern in Kaffeehäusern abhängen und die er für problematische Naturen hält.

Kein Zufall ist es, dass Thomas Mann noch vor Katia zuerst Klaus erwähnt, den Zwillingsbruder. Schon als Kind hat der jüngste Pringsheim-Sohn Klavier gelernt, gerade vor einem Jahr ist seine erste Tondichtung, »Das Meer«, urausgeführt worden. Schon bald wird er in Wien bei Gustav Mahler Komposition studieren. Klaus hat dieselben dunklen Haare und dunklen, feuchtschwarzen Augen wie seine Schwester, dieselbe ein wenig niedergedrückte Nase und hervortretende Wangenknochen, denselben blassen Teint und dieselbe weiche Haut. Dass sie einander nicht völlig zum Verwechseln ähneln, liegt vor allem an ihrer Kleidung und der Art, wie sie sich zurechtmachen. Aber die Idee, dass sie durch Kleidertausch und mit ein wenig Schminke auch ihre Geschlechterrollen vertauschen könnten, ist ihnen keineswegs fremd. Beide sind sie exemplarische Beispiele dafür, wie das Feminine und das Männliche in Aussehen, Gesichtszügen, Verhalten und Gehabe ineinander übergehen können, ohne klar wahrnehmbare Grenzen. Beide pflegen sie zudem dieselbe Höflichkeit, denselben kultiviert untertreibenden Ton. Höchstens, dass Klaus seine jugendliche Arroganz noch eine Spur bedenkenloser zur Schau trägt.

In ihr liebt Thomas Mann womöglich auch den Zwillingsbruder: Katia und Klaus Pringsheim, 1904

Gelten seine verstohlenen Blicke anfangs vor allem ihm? Gut möglich. Und wenn er dann, bevor das zu sehr auffällt, zu Katia hinüberschaut, ist es, als würde ihr Anblick mit dem des Zwillingsbruders verschmelzen. Nein, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass er in ihr auch ihn liebt. Klaus scheint das zu begreifen und macht sich ein Spiel daraus, die Blicke für Katia auf sich selbst umzulenken. Und Katia, die mit ihrem Bruder ein Herz und eine Seele ist, bekommt das natürlich mit. Es scheint sie zu amüsieren. Das gerade darin das Motiv für die aufkeimende Leidenschaft bei Thomas Mann liegen könnte, bedenkt sie wohl kaum.

Unter vier Brüdern aufgewachsen, hat sich die Pringsheim-Tochter, obwohl eine Schönheit, ein burschikoses Verhalten angewöhnt. Sie hätte auch das feine, zarte Mädchen herauskehren können, von der Bruderschar beschützt und ganz auf erlernte Hilflosigkeit geeicht, aber das liegt ihr nicht. Dazu ist sie viel zu pragmatisch (wie ihre Mutter) und viel zu gescheit, mit einem wachen, wissenschaftlichen Verstand begabt. Seine Schwester verbringe ihr Leben damit, ihrem Vater zuzuhören, spottet Klaus gerne. Die Zwillinge hätten Schlagzeilen in der deutschen Presse gemacht, als sie vor drei Jahren gemeinsam das Abitur am Wilhelmsgymnasium bestanden, berichtet er später. Im Anschluss daran hat Katia zudem angefangen, Mathematik und Physik zu studieren, was noch seltener vorkommt als ein weibliches Abitur. Bei Wilhelm Röntgen, dessen Strahlen die Welt in Aufregung versetzen und der dadurch einen Ruf an die Münchener Universität bekommen hat, hört sie Experimentalphysik. Röntgen hat ein besonderes Auge auf sie, die Tochter eines Kollegen. Doch als ihr einmal ein Missgeschick unterläuft und sie einen wertvollen Apparat fallen lässt, fühlt er sich in seiner Ansicht bestätigt, dass Frauen in der Wissenschaft eigentlich nichts zu suchen haben und kanzelt sie auf eine Weise ab, die Katia den Spaß am Studium zumindest bei ihm nachhaltig verdirbt.

Später, da ist Thomas Mann schon tot, wird sie sich erinnern, dass die erste Begegnung mit ihrem späteren Mann in der Trambahn stattfand. Sie wollte gerade aussteigen, da kam der Kontrolleur und verlangte die Fahrkarte. »Ich steig hier grad aus«, habe sie gesagt. Als der Mann auf seiner Forderung beharrte, habe sie noch erläuternd hinzugefügt, die Fahrkarte soeben weggeworfen zu haben, schließlich sei sie im Aussteigen begriffen. Daraufhin der Kontrolleur, immer fordernder: »Ich muß das Billet –. Ihr Billet, hab ich gesagt!«. »Jetzt lassen Sie mich schon in Ruhe!«, will sie entgegnet haben und wütend aus der noch fahrenden Tram gesprungen sein. »Mach, dass d‘ weiterkimmst, du Furie!«, habe ihr der Kontrolleur noch nachgerufen. Thomas Mann aber war wohl von der Szene so entzückt, dass er beschloss, die junge Dame, die ihm zusammen mit ihrem Bruder schon mehrfach bei Opernbesuchen aufgefallen war, nun endlich kennenzulernen.

Die fünf Geschwister sprechen mit scharfer Zunge, nach außen hin ständig im Angriffsmodus und doch eher aus einer inneren Abwehrhaltung heraus, verletzend und womöglich doch nur aus Spaß am gelungenen Bonmot und der ironischen Bemerkung. Nicht, dass sie ihm etwa bis zum Letzten zusetzen und unbedingt Recht behalten wollen. Als viel kränkender empfindet er, dass sie seine armseligen, gepresst vorgebrachten Beiträge ins Leere laufen lassen, als fänden sie, dass sie ihm durchaus angemessen, aber nicht weiter interessant seien.

Wenn er etwa ein geringfügiges Zuspätkommen damit entschuldigt, dass der Weg von der spärlichen Wohnung, in der er seine heißkalte Prosa aufs Papier bringt, doch recht weit sei, muss er mit der Entgegnung rechnen: »Sehr weit. Und wie nun übrigens, wenn Sie in Anbetracht dieses Weges Ihre Mansarde ein wenig früher verließen?“ Gern wird noch hinzugefügt: „Das würde von entschieden befeuernder Wirkung auf den Gang unseres Hauswesens sein.« »Ja, mein Gott«, bringt Thomas Mann dann gerade noch mit matter Stimme hervor.

Mit Vorliebe ergeht man sich im Durchhecheln von Fragestellungen, die Thomas Mann als Sopistereien empfindet, nicht lebensbedeutsam genug, um die hier überreichlich vorhandene Intelligenz darauf zu verschwenden. Etwa der, ob, wenn a) die notwendige und hinreichende Bedingung für b) sei, dann auch b) die notwendige und hinreichende Bedingung für a) sein müsse. Die Geschwister und auch der Vater setzen all ihre Schläue und ihren Witz daran, durch versierte Antworten zu glänzen, tragen entlegene und abenteuerliche Beispiele vor und befleißigen sich einer so abstrakten wie streitbaren Dialektik, um die Antwort des Vorredners noch an Scharfsinn und Originalität zu überbieten. Und wenn Thomas Mann, der anders als Katia eben kein Abitur hat, dann endlich ansetzt, auch noch etwas dazu zu sagen, hat man bereits das Thema gewechselt.

Kommt das Gespräch auf Kunst, Musik und Literatur, wo Thomas Mann meint sich auszukennen und als Schriftsteller insbesondere auf dem letzteren Feld durchaus etwas zu sagen zu hat, dann frappiert ihn die Unbedingtheit und Erbarmungslosigkeit des vorgetragenen Urteils, die keinen Widerspruch duldet und nur das Erstrangige gelten lässt, was zudem auch öffentliche Anerkennung und Erfolg vorzuweisen hat. Guter oder auch ringender Wille sind keine zugelassenen Kategorien, mildernde Umstände werden nicht gewährt, es zählt nur die mit Durchsetzungsraft verbundene Leistung. So imponiert den Pringsheim-Kindern, auch Katia, durchaus, welchen Erfolg Thomas Mann plötzlich als Schriftsteller insbesondere mit den Buddenbrooks hat. Der Vater liest den Roman grundsätzlich nicht, die Mutter hat ihn noch nicht ausgelesen, Katia und ihre Brüder hingegen kommen immer wieder auf das Buch zu sprechen. Da sitzen sie, die Geschwister der jungen Frau, die er als Ehefrau gewinnen will, »in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, in üppiger Sicherheit«, aber ihre Rede geht scharf wie dort, »wo Helligkeit, Härte und Notwehr und wachsamer Witz zum Leben geboten sind«. So wird es Thomas Man später beschreiben, wenn er, nur kurze Zeit, nachdem er Katia zum Traualtar geführt hat, in einer Novelle, die den Titel Wälsungenblut trägt, mit der Familie abrechnet.

Die Pringsheim-Kinder tragen eine Mentalität zur Schau, die zur gleichen Zeit der Philosoph und Soziologe Georg Simmel als einen typischen Persönlichkeitszug des Großstädters analysiert: die Blasiertheit. »Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die der Blasiertheit«, behauptet Simmel in einem Vortrag, der erstmals 1903 gedruckt erscheint. Für ihn handelt es sich letztlich um eine Art Schutzorgan gegen die für Großstädte typische Reizüberflutung. Um damit Schritt halten, um die auf sie einströmenden Reize überhaupt verarbeitet zu können, sehen die Städtebewohner nicht mehr auf das einzelne Ding und die individuelle Beziehung zu einem Menschen, sondern fragen bei Menschen wie Dingen unterschiedslos nach dem Wert ihrer Leistung. Sie ist das Einzige, was zählt.

Und Katia?

Was in Herrgottsnamen aber findet Katia an Thomas Mann, den ihr Vater nicht als geeigneten Heiratskandidaten betrachtet und ihre Brüder, wegen seiner schmalen Statur und der blässlichen Gesichtsfarbe, wegen seines ganzen hyperkorrekten, steifen Auftretens mit seinem exakt gezwirbelten Schnurrbart als »leberleidenden Rittmeister« zu verspotten pflegen? Dass er sie zu einem sonntäglichen Fahrradausflug einlädt und sie ihm bei dieser Gelegenheit mit ihrem superschnellen, amerikanischen Cleveland-Rad nicht nur davonfährt, sondern regelrecht den Schneid abkauft, kann es nicht allein sein. Sie habe schon mal »ganz gern ein bißchen Überlegenheit durchblitzen lassen«, erinnert sich Katia Mann an diese Zeit.

Die schlichte Antwort lautet, dass die Pringsheim-Tochter anfangs in der Tat wenig an Thomas Mann findet. Katia ist Bewerber gewohnt. Alfred Kerr, der Kritiker und spätere Thomas-Mann-Feind, ist darunter. Und auch »ein besonders leidenschaftlich interessierter und sehr nett aussehender« Mitstudent, der ebenfalls Pringsheim heißt und irgendwie ein entfernter Verwandter ist, aber halt sehr entfernt. In Wahrheit denkt sie gar nicht daran zu heiraten. Sie ist gerade zwanzig, fühlt sich sehr wohl und lustig in ihrer Haut, »auch mit dem Studium, mit den Brüdern, dem Tennisklub und mit allem«. Warum soll sie so schnell weg von zu Haus, denn darauf läuft es mit der Heirat ja hinaus. Zudem ist Hedwig Dohm, ihre Großmutter, anfangs strikt dagegen, dass sie ihr Studium abbricht, schon gar nicht, um sich einem Mann zu unterwerfen.

Was daraufhin von Seiten Thomas Manns einsetzt, muss man einen Belagerungszustand nennen. »Große Aussprache mit K.P.«, vermerkt am 9. April 1904 sein Notizbuch. Gut einen Monat später dann unter dem Datum des 16. Mai: »Zweite große Aussprache mit K.P. Mit Donnerstag d. 19 Mai beginnt die Wartezeit.« Er macht ihr also einen förmlichen Heiratsantrag. Die Wartezeit zieht sich jedoch lange hin, den ganzen Sommer über. Das hat auch damit zu tun, dass Alfred Pringsheim an einem akuten Magengeschwür leidet und Anfang Juni von seinem Arzt für mehrere Wochen nach Bad Kissingen zur Kur geschickt wird. Die beiden Frauen in der Familie begleiten ihn. Anschließend, so erinnert sich Katia, verbringt sie noch die Sommerfrische mit ihrem Zwillingsbruder an der Ostsee.

In der Zeit der Trennung tut Thomas Mann, was er am besten kann, er schreibt. Wohl sind seine Werbebriefe förmlich, wie gedrechselt, von feierlicher Gesetztheit, aber in ihrer Zahl, Länge und Sprachmächtigkeit hinterlassen sie bei Katia dennoch nachhaltigen Eindruck. Trotzdem fragt man sich, ob eine junge Frau, die von ihrer Erwählung noch gar nicht überzeugt ist, sich vielmehr grundsätzlich fragt, ob das mit der Ehe für sie sein muss, von dem Bewerber lesen möchte, dass er sich wohl bewusst sei, »nicht der Mann zu sein, um einfache und unmittelbar sichere Gefühle zu wecken«. Oder dass er sich Jahre, »wichtige Jahre lang als Menschen für nichts geachtet und nur als Künstler habe in Betracht kommen wollen« und dass dies »kein leichtes, kein lustiges Leben sein und selbst bei starker Antheilnahme der Außenwelt kein gelassenes und keckes Selbstvertrauen zeitigen kann«. Keine guten Omen für ein unbeschwertes, fröhliches Zusammenleben!

Neben dem Briefbombardement hat Thomas Mann allerdings noch einen zweiten Pfeil im Köcher: die Psychologie, mit der er sich sehr viel besser auskennt, als das selbstentworfene Bild vom ein wenig weltfremden, mit der eigenen Person hadernden Literaten vermuten lässt, der seine Persönlichkeitsdefizite mit Überkorrektheit und Formbewusstsein ausgleicht. »Sie kann nicht, kann ‚es sich nicht denken’, sich nicht entschließen«, berichtet der auf unabsehbare Zeit zum Wartestand Verurteilte im Juli 1904 seinem Freund Kurt Martens. Solange die Entscheidung nicht unmittelbar vor Katia stehe, sei ihr, nach eigenen Worten, »Alles ganz leicht, natürlich und selbstverständlich«. Komme es dagegen zum Schwur, so schaue sie ihn an »wie ein gehetztes Reh« und sehe sich außerstande. Thomas Mann hat dafür auch einen Begriff, hinter dem eine Diagnose steht – »nervöse Entschließungsangst«. Er hat sich kundig gemacht, eingehend mit einem »Nervenarzt und guten Psychologen« darüber gesprochen, und der hat ihm bestätigt, was er längst vermutete habe, dass diese Entschlussschwäche nämlich »etwas notorisch Krankhaftes« sei. »Wenn ich nicht viel diplomatischer und zurückhaltender zu Werke ginge, würde seinen Erfahrungen nach nichts aus der Verlobung werden«, hat er gemeint. Thomas Mann teilt Kurt Martens auch gleich den Namen des Arztes mit, der hier eine Diagnose ohne Befunderhebung stellt. Es ist Dr. Leonhard Seif, ein seit 1895 in München praktizierender Nervenarzt für Psychotherapie und Hypnotismus, später ein Anhänger C. G. Jungs. Gut möglich, dass Thomas Mann statt Schrenck-Notzing auch ihn aufgesucht hat, um seine konträre in eine konforme Sexualempfindung therapieren zu lassen.

Bedauerlicherweise fragt Thomas Mann sich nicht, ob das, was er Katias »Entschließungsangst« nennt, schlicht daraus resultiert, dass er sie schrecklich bedrängt. Vielleicht spürt sie aus seinem »dringenden Wunsch«, sie zu heiraten, auch den unbedingten, zwanghaft anmutenden Willen heraus, sich von der Welt der Homoerotik abzuwenden und der Konvention zu unterwerfen. Dass sie das misstrauisch gemacht haben muss, lässt sich nur zu gut verstehen. Er hingegen benützt die zweifelhafte Diagnose als Druckmittel – gegenüber Katia selbst, wohl aber auch gegenüber der Mutter und dem Zwillingsbruder. Noch Jahrzehnte später wird sich Klaus Pringsheim einer Schwester erinnern, die sich monatelang »in einem Zustand aufreibender Unentschlossenheit« quälte. Die Einzige in der Familie, die dafür eine plausible, dem Gemütszustand der Zwanzigjährigen entgegenkommende Erklärung hat, ist die Großmutter Hedwig Dohm, die gar nicht einsieht, warum ihre Enkelin für eine frühe Heirat die Freiheit und die Lebenschancen aufgeben soll, die mit dem Studentinnendasein verbunden sind. Niemand von der Familie scheint auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, dass neben dem Umstand, dass sich Katia im jetzigen Lebenszustand sehr wohl fühlt, ein weiterer Grund für ihre Schwierigkeit, eine Entscheidung zu treffen, auch in der geteilten Stimmung innerhalb der Familie besteht. Wie die Großmutter ist auch der Vater gegen die Heirat mit Thomas Mann, wenn auch aus anderen Gründen. Hedwig und der Zwillingsbruder Klaus raten ihr dagegen eher zu; beide haben mit dem »leberleidenden Rittmeister« nicht nur Mitgefühl, sondern hegen für ihn aufrichtige Sympathie. Den Ausschlag, den Antrag anzunehmen, dürfte dann Klaus gegeben haben. »Thomas Mann wusste, dass er auf mich zählen konnte«, erinnert er sich später.

Auf Katias Wunsch wird die Hochzeit nur im kleinen Kreis gefeiert. Nach der standesamtlichen Trauung treffen sich die Hochzeitsgäste zur Mittagstafel in der Arcisstraße. Die Stimmung ist eher bedrückt, da dem Elternpaar der Abschied von der einzigen Tochter sichtlich schwerfällt. Den Toast bringt nicht der Vater, sondern Alfred Schaeuffelen aus. Er sei kein Redner, meint er, sondern nur Hörer, und in letzter Zeit habe Professor Pringsheim in seinen Vorlesungen über Kongruenz gesprochen. Hier länge nun ein Fall schönster Kongruenz vor, und er hege den innigsten Wunsch, von diesem Paar immer das Schönste und Beste zu hören. Brillant geht anders. Noch am selben Tag tritt das Brautpaar seine Hochzeitsreise an, die über Augsburg nach Zürich, ins Nobelhotel Baur au Lac führt. »Um ½ 5 Schluß des Festes, Katia umgekleidet, ihre Sachen fertig gemacht, um ¾ 6 Abfart«, heißt es in Hedwig Pringsheims Tagebuch. »Danach Zusammenbruch! … Mein armes, liebes kleines Kind!«

Die Hochzeitnacht und auch die folgenden Nächte müssen Thomas Mann gewisse Sorgen bereitet haben. Denn in seinem Notizbuch finden sich die Namen, Adressen und praktischerweise auch die Sprechstundenzeiten von gleich drei Züricher Psychologen – zwei Nervenärzten und einem Therapeuten, der sich auf Hypnose spezialisiert hat. Womöglich haben ihm Dr. Schrenck-Notzing oder Dr. Seif die Empfehlungen gegeben. Dass sie nicht ein letztes Mittel waren, um die Entschließungsangst der ihm frisch angetrauten Frau endgültig zu brechen, sondern Thomas Mann eher die Furcht vor Potenzproblemen umtrieb, liegt auf der Hand. Einer der Ärzte, ein gewisser Dr. Georg Ringier, ist wie auch Schrenck-Notzing Schüler von Auguste Forel, des wohl bekanntesten Vertreters der Suggestionstherapie im deutschen Sprachraum. Vor seiner Pensionierung hat er die renommierte Nervenklinik am Burghölzli über Zürich geleitet. Exakt neun Monate nach dem Aufenthalt im Baur au Lac kommt mit Erika Mann dann das erste von insgesamt sechs Kindern des Ehepaars auf die Welt, das zweite, der Sohn Klaus, bereits in einem weiteren Abstand von gerade einmal zwölf Monaten.

Die Familie Mann wohnt nun in Schwabing, in der Franz-Joseph-Straße 2, Ecke Leopoldstraße, in einer durchaus geräumigen, von Alfred Pringsheim eingerichteten Etagenwohnung »mit – 2 Wasserclosets! – ist das nicht ideal?« So Thomas Manns Mutter, die sich die Gelegenheit zur Besichtigung natürlich nicht nehmen lässt: »Tommys Arbeitszimmer – sehr groß, daran K. Zimmer, dann Speisezimmer, dann 2 Schlafzimmer, weißlackierte Meubles … in allen Zimmern kreisförmige elektr. Lustres; reizend sind die kleineren im Schlafzimmer, grünes Laub mit roten Beeren, daran hängen die elektr. Birnen«.

Der Vater habe sogar schon ein Telefon anbringen lassen. »Ich denke mir, daß er jeden Morgen nach d.Befinden seiner Tochter fragen wird.« Sie habe Thomas gebeten, »sich nicht alles geben zu lassen«, kommentiert sie diese Mischung aus Großzügigkeit und Übergriffigkeit seitens des Schwiegervaters: »Man fühlt sich ja kaum Herr im Hause, wenn das wenigste einem durch eignen Kauf gehört.«

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